Die schönen Seiten des Älterwerdens
Schon etwas älter und der Lack ist ab!? Kein Problem, ab sofort lebt es sich viel lässiger!

Der Herbst ist da und damit die richtige Jahreszeit, um über den körperlichen Verfall nachzudenken. Schöner gesagt: über das Älterwerden. Und noch schmeichelhafter heißt es: Über die schönen Seiten des Älterwerdens.

Tatsächlich beginnen wir mit dem Zeitpunkt des ersten Luftschnappens schon, älter zu werden. So richtig bewusst aber wird es den meisten erst nach ein paar Jahrzehnten des irdischen Daseins. Ich erinnere mich noch genau daran, als ich so alt war wie meine Tochter jetzt und mir ausrechnete, wie alt ich zur Jahrtausendwende sein würde. Der Gedanke daran war schrecklich für mich, da ich das Gefühl hatte, mit Ende dreißig ist das Leben so gut wie vorbei. Also das Leben im Sinne von „auf den Putz hauen“. Jetzt liegt auch die Jahrtausendwende schon bald zwei Jahrzehnte hinter uns und keine meiner Befürchtungen von damals ist eingetreten.

Milliardenindustrie rund ums schönere Altern

Eine ganze Industrie lebt sehr gut davon, das Altern – speziell von Frauen – als etwas darzustellen, das sich ungetuned kaum zu erleben lohnt. Am besten bleiben wir jung und gefühlt knackig bis wir in hohem Alter ins saftige Gras beißen, denn für den gefühlten Erhalt der Jugendlichkeit gibt es jede Menge Mittelchen, die gegen gutes Geld verkauft werden möchten.

Kann man schön altern ohne Hilfsmittel?

Aber ganz ehrlich: die schönen Seiten des Älterwerdens lassen sich auch genießen, ohne dass man sich pfundweise Alterserscheinungen verhindernde Substanzen auf die Haut klatscht. Zumindest weitgehend. Schöner Altern funktioniert auch, wenn man sich nicht ab dem 30. Geburtstag dreimal täglich mit AntiAging-Creme zukleistert oder pünktlich zum Vierzigsten die ersten Mimikfältchen botoxen lässt.

Und es gibt sogar richtig positive Seiten des Älterwerdens. Welche das sind fragt ihr euch!? Da kann ich schon so einige aufzählen, auch solche, die von meinen Bloggerkolleginnen noch nicht aufgeführt wurden.

Gleitsicht statt Gleitzeit

Zum Beispiel die nachlassende Sehkraft. Okay, ich war zwar schon in der fünften Klasse kurzsichtig, aber mittlerweile kam die Altersweitsichtigkeit dazu. Diese bescherte mir nicht nur keinen Ausgleich der Kurzsichtigkeit, sondern vor allem eine neue Brille mit Gleitsichtgläsern, mit der ich in den ersten zwei Wochen durch die Gegend lief wie bekifft – das gab‘s sozusagen gratis beim Kauf dazu.

Des weiteren schenkte mir die Weitsichtigkeit auch diesen unendlich altersweisen Blick. Ihr wisst schon, dieser besonnene Blick über die Brillenränder hinweg, dem fast niemand standhalten kann. Weiß ja keiner, dass man trotzdem nichts sieht, aber man sieht eben wissend aus. Außerdem haben solche Gleitsichtgläser den Vorteil, dass man nur in bestimmten Zonen fokussiert sehen kann.

Das wirklich Schöne aber an der Weitsicht mit Gleitsicht ist, dass du fortan eine glaubwürdige Ausrede hast, wenn dir Leute auf der Straße begegnen und du sie nicht siehst. Sie sind dir einfach in der falschen Sichtzone begegnet oder kamen bestenfalls seitlich entgegen, wo die Sicht auf Farb- sowie Hell-Dunkel-Kontraste reduziert ist.

Haarige Geschichten

Ja, es ist so, im Alter verändern sich auch die Haare. Nicht nur, dass sie mehr oder weniger schnell ergrauen. Das soll ja sogar bei manchen schon in den Mittzwanzigern passieren, mittlerweile sogar beabsichtigt. Nein, die Haare werden irgendwie auch qualitativ anders. Zum Beispiel etwas dünner als früher. Sind bei mir in jungen Jahren immer sämtliche Friseure ausgeflippt wegen meiner tollen, griffigen, dichten Haare, so passiert mir das jetzt nicht mehr. Man verliert im Salon kein Wort mehr über meine Haarqualität, außer vielleicht darüber, wie gut meinen Haaren Shampoo, Spülung und Kur für mehr Volumen täten.

Das hat den Vorteil, dass ich nicht mehr vor lauter peinlicher Berührtheit rot werden muss, weil der Friseur in einem Rausch der Sinne und unter Jubelschreien meine Haar minutenlang durch seine Finger gleiten lässt. Auch die Beratung zum Haarschnitt ist schnell durch: ein (altersgerechter) Bob wie immer, was sonst!? Die meisten Frauen tragen ab fünfzig einen pflegeleichten Bob. Zwanzig bis dreißig Jahre später wird es dann die noch pflegeleichtere Kurzhaarfrisur sein…

Gleitsicht versus Bartwuchs

Vielleicht erinnert ihr euch noch, in jungen Jahren, als ihr mitunter genervt wart von schlecht rasierten Männern, die sich mit ihren ein bis drei Tage alten Stoppeln im Gesicht auf eurem zarten Gesicht anfühlten wie 60er Schleifpapier!? Abgesehen davon, dass die Anzahl solcher Begegnungen im Alter von jenseits der Fünfzig auf einen nicht mehr messbaren Bereich geschrumpft ist sofern man sich nicht rechtzeitig ein Männchen an die Leine gelegt hat, bekommt man auf einmal ganz andere Perspektiven auf Bartstoppeln.

Auf einmal fühlst du sie, wenn du dir gedankenverloren übers Kinn streichst! Und dann geht die Jagd los, bewaffnet mit Pinzette vor dem Spiegel suchst du das eine, verdammte Haar, was so störrisch und kratzborstig ist. Vor ein paar Jahren hättest du es noch problemlos gefunden und zackig ausreißen können. Jetzt aber kommt dir die Weitsichtigkeit zugute. Du fühlst das Haar nur noch, aber siehst es nicht mehr. Auch nicht mit der neuen Gleitsichtbrille. Zwar versuchst du hartnäckig, das Haar mit der Pinzette zu erwischen, hast jedoch nur mäßigen Erfolg, da du entweder nur Flaum oder Haut erwischst, aber nicht diese eine Borste. Die Borste siehst du einfach nicht im Spiegel, weder mit noch ohne Gleitsichtbrille. Und was du nicht siehst, existiert nicht, oder!? Das wissen wir doch alle spätestens seit wir in der Schule das Höhlengleichnis von Plato durchgeackert haben. Womit wir auch schon beim positiven Aspekt des Älterwerdens wären: irgendwann nerven dich auch keine Bartstoppeln mehr, weil du sie nicht siehst…

Übrigens, um beim haarigen Thema zu bleiben, alle, die in jungen Jahren zu wenige oder zu kurze Augenbrauen hatten, dürfen sich freuen: Im Alter legen die auf einmal zu, vorausgesetzt ihr habt sie nicht per IPL komplett entfernen lassen. Ich denke oft an unseren ehemaligen Finanzminister Theo Waigel, wenn ich mal wieder so ein wucherndes Augenbrauenhaar von zwei bis drei Zentimetern Länge ertaste…

Positiv daran: spätestens ab fünfzig könnt ihr auf jeden Fall den derzeitigen Trend mit den „braided eyebrows“ mitmachen. Ihr müsst halt nur jemanden finden, der sie euch flechtet.

Je älter, desto kälter

Lange habe ich mich gefragt, was es eigentlich mit dieser Redensart auf sich hat. Warum wird es kälter, wenn man älter ist? Oder wie ist das zu verstehen? Mittlerweile weiß ich es, zumindest erahne ich es und muss gestehen, auch das ist eine der schönen Seiten des Älterwerdens. Zum einen ist es so, dass man wirklich körperlich nicht mehr ganz so hitzeempfindlich ist, wenn man mal die klimakteriumsbedingten Hitzewallungen ausklammert.

Für mich persönlich bedeutet das, dass ich tatsächlich in den heißen Dampfkesselsommern nicht mehr so schwitze wie früher, was ich als ziemlichen Vorteil ansehe. Das heißt, man kann also auch im Sommer durchaus Kleidung mit längeren Ärmeln oder längeren Hosenbeinen tragen, ohne gleich vor lauter Höchsttemperatur eingehen zu müssen, was wiederum den Vorteil hat, dass man getrost die ersten Ansätze von Winkeärmchen und Wabbelkniekehlen kaschieren kann. Aber auch, wer bereits im zarten Alter von 50+ unter einem zart plissierten Truthahnhals leidet, kann hier mit einem dünnen Rollkragen oder Turtleneck selbst im Hochsommer punkten.

Ebenfalls kälter, je älter man ist, sind die emotionalen Anwandlungen. Man reagiert einfach viel cooler auf Begebenheiten, die einen in jungen Jahren noch zu Wutausbrüchen, Heulkrämpfen oder überschwänglichen Freudentänzen gebracht hätten. Die Wut über den verlor‘nen Groschen gibt es nicht mehr, da man mittlerweile begriffen hat, dass die meisten materiellen Verluste relativ sind – und zwar relativ egal. Verlust gibt es immer wieder und lässt sich nicht verhindern. Man hat bestenfalls im Laufe des Lebens gelernt, dass es stets ein Auf und Ab gibt und nach einem Verlust meist wieder ein Gewinn ins Haus steht.

Selten bekommt man in reifem Alter noch einen Heulkrampf wie in jungen Jahren, weil einen die beste Freundin im Stich lässt, man vom Lover in die Wüste geschickt wurde oder der Chef einen kurzerhand für immer freigestellt hat. Der Vorteil hier des Älterwerdens: du weißt, dass das alles kein Bein- und schon gar kein Genickbruch ist. Oft kommen nämlich bessere Gelegenheiten nach, aber um das in der Frühlingsblüte des Lebens zu verstehen fehlt einem in jungen Jahren die Weitsichtigkeit…

Je oller, desto doller

Lange Zeit gab es für Frauen ab Fünfzig nur Mode, die eben auch genauso aussah, nämlich schon etwas älter. Diese Zeiten sind glücklicherweise vorbei. Wer mag und wer nicht auf jeden modischen Zug aufspringen möchte, der kleidet sich vorzugsweise klassisch, muss dabei aber noch nicht als Wechseltierchen auf die Vorstufe von Rentnerbeige zurückgreifen.

Wer mutig ist, der kann jetzt modisch voll in die Kerbe hauen. Der neueste heiße Shice auf Instagram ist nicht der schon wieder im Abklingen begriffene GrannyStyle der hippen Girls, sondern jetzt haben die Ollen ihre Chance. Beenager sind viel heißer als die großmütterlich verkleideten und künstlich ergrauten Hipsterbräute. Als Beenager bist du sozusagen ein Bestager in Klamotten, die auch ein Teenie tragen könnte. Okay, dazu braucht es oftmals viel Mut und auch ein gewisses Gefühl für Stil, aber statt einen Supermini-Rock zum nackten Gebein zu tragen, wie es ein Teen machen würde, lässt sich das sicherlich auch altersentsprechend schmeichelnder umsetzen. Pink statt beige, Leolook statt Streublümchenkleider oder nietenbesetztes Schuhwerk statt orthopädisch wertvoll aussehende Comforttreter. Und wer dann noch zwanzig Jahre nach den Fünfzigern sich so gestylt seiner Umwelt zumutet, der bekommt das Prädikat „advanced styling“ verliehen. Wer‘s nicht glaubt, schaut auf den wundervollen Blog Advanced Style von Ari Seth Cohen. Ihr sagt jetzt vielleicht, das geht nur in New York – nein, das geht auch in Wolfenbüttel, Gelsenkirchen oder sonstwo. Das einzige, was man braucht, ist Mut und den hat man idealerweise im Alter dazugewonnen.

Iss dich glatt

Noch eine schöne Seite des Älterwerdens ist, dass man eigentlich ab fünfzig das eine oder andere Gramm mehr auf den Rippen nur begrüßen kann. Während sich viele mit zwanzig noch zu fett vorkamen, obwohl sie in Kleidergröße 34/36 passten, ist man mit um die Fünfzig meist schon mit einer gut proportionierten 40/42 zufrieden. Schließlich polstert ein wenig Fett ja auch die Mimikfalten aus, so dass man bestenfalls nicht ganz so alt wirkt, wie es der Personalausweis glauben machen will. Also kann man als Bestager dann durchaus beim Essen wieder etwas mehr zuschlagen, vor allem aber mit dem Augenmerk auf Qualität. Während sich junge Frauen noch mit Karotten- und Selleriesticks in fettfreiem Sojadip glauben rumquälen zu müssen, können die älter gewordenen wieder richtig zulangen. Sämige Süppchen als Vorspeise, lecker knusprige Bratkartoffeln mit einem Rumpsteak, ein süßes Dessert und später ein Stück Kuchen zum Kaffee – all das geht ab Fünfzig ohne schlechtes Gewissen – zumindest was die Figur in Bezug auf die Faltenglättung betrifft.

Die paar Pfunde extra auf den Rippen verbessern in dem Alter meist das Aussehen. Auch hat man nicht mehr den Ehrgeiz, hervorstehende Hüftknochen zeigen zu können, die Rippen sehen zu müssen oder gar „the gap“, die berühmte Lücke zwischen den  Oberschenkeln herbeihungern zu müssen. Da reicht es dann, wenn man die Figur per Shapewear ins rechte Licht rücken kann und die vorhandenen Fettzellen diverse Liftings ersparen…

Ihr seht also:

Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu.
Marcus Tullius Cicero (106 – 43 v. Chr.)

Älter werden an sich ist nicht schlimm, selbst mit dem einen oder anderen gesundheitlichen Zipperlein kann man sich arrangieren. Und wenn man genau darüber nachdenkt, dann findet man sogar auch noch die wirklich schönen Seiten des Älterwerdens. Es gibt übrigens noch jede Menge weitere Gedanken zu diesem Thema, das Ines Meyrose auf ihrem Blog als Blogparade ausgerufen hat. Bei ihr findet ihr Verlinkungen zu anderen Artikeln und nach dem 15. Oktober 2017 nochmals eine Zusammenfassung aller gesammelten Links zu den Beiträgen über die schönen Seiten des Älterwerdens. Also, sehen wir den nächsten zwanzig bis dreißig Jahren gelassen entgegen und fokussieren wir uns auf die positiven Seiten – auch mit und vor allem trotz der Gleitsichtbrille!

2 KOMMENTARE

  1. Oh ja, auf den altersweisen Blick freur ich mich schon! Der erfordert keine Worte!

    Ein Vorteil an einem echt breiten Becken: „The Gap“ ist auch ohne Hungern machbar. Hätte mir als Teenie mal jemand sagen sollen, dass das toll ist 😉 .

    Danke, dass Du bei der Blogparade dabei bist!

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