Kurz-Thriller im Hause Liebstöckelschuh

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Fast zwei Stunden nur telefoniert
Das Telefon war heute unverzichtbarer Teil meiner Abendgestaltung

Eigentlich begann der Tag ja ganz gut. Morgens um 9 Uhr noch mit meinem Vater telefoniert und vernommen, dass er gegen Mittag zu sich nach Hause fahren würde. Anschließend mit einer Redakteurin einer Frauenzeitschrift ein Gespräch gehabt, dann diverse Sachen erledigt. Also insgesamt gut gelaunt und produktiv gewesen, nicht ahnend, dass ich im Laufe des Tages noch eine Nebenrolle in einem Thriller spielen würde.

Nachmittags gegen 16 Uhr dann auf einmal irgendeine komische Sache mit dem Laptop. Nachdem ich ihn auf den Energiesparmodus gesetzt hatte, ließ er sich nicht mehr aktivieren. Auch das WLAN am Router ließ sich nicht deaktivieren, alles sehr seltsam. Erst mal leicht frustriert alleine einen Bummel durchs Revier gemacht, ein wenig zum Essen eingekauft und immer noch komisch gelaunt heimgekommen.  Rechner funktionierte immer noch nicht und ich sah schon meine Fotos für immer verloren. Ihr wisst schon, keine Sicherung in letzter Zeit gemacht, das übliche eben…

Gegen 19:30 Uhr Anruf der Lebensgefährtin meines Vaters mit der Frage, ob ich heute abend irgend etwas von ihm gehört habe. Nein, hatte ich nicht. Seltsam, er ist nicht erreichbar, weder auf Festnetz noch auf Mobil. Während des Telefonats gleich meine Schwester per WhatsApp gefragt, ob sie etwas von ihm weiß. Nein, auch nicht.

Zur Erläuterung: Mein Vater ist zwar erwachsen, aber eben nicht mehr der jüngste. Außerdem ist er mittlerweile auch ein wenig gesundheitlich angeschlagen, so dass wir schon immer ein Auge auf ihn haben. Einschlägige Erlebnisse im vergangenen Jahr haben uns dazu veranlasst, immer genau darauf zu achten, wo er ist und wie es ihm geht. Geht zwar nicht lückenlos, aber zu fest verabredeten Zeiten und genau so eine Zeit wäre also der Abend und das damit verbundene Telefonat mit seiner Lebensgefährtin gewesen.

Also, sie wusste nichts über seinen Verbleib, meine Schwester nicht und ich nicht. Dann Nachbarn anrufen. Meine Schwester ruft die Nachbarn an, die den Schlüssel zu seiner Wohnung haben. Ich rufe die Nachbarin an, die von ihrem Fenster aus den besten Blick in seine Wohnung hat. Beide Nachbarn liefern das gleiche Ergebnis: es ist dunkel. Er ist nicht da. Komisch. Eigentlich nicht seine Art.

Während ich mit der Lebensgefährtin telefoniere, um herauszufinden, wann er ungefähr genau ihre Wohnung verlassen hat und welche Strecke er normalerweise fährt, telefoniert die Nachbarin mit dem guten Blick in seine Wohnung ihrerseits andere Nachbarn ab, ob er vielleicht dort irgendwo ist oder gesehen wurde. Außerdem zieht sie sich netterweise wieder ihre Straßenklamotten an, läuft mit der Taschenlampe einmal ums Karrée, schaut auf der Außentreppe, schnappt sich eine Leiter um durch die Lüftungslöcher der Garage zu linsen und geht nochmal bei den Nachbarn mit dem Schlüssel vorbei. Diese waren nämlich mittlerweile auf unsere Bitte hin bei ihm zuhause, um zu schauen, ob er sich vielleicht irgendwo in einer hilflosen Situation befindet. Fehlanzeige, man hat ihn nicht in der Wohnung gefunden.

Mein Telefonat mit der Nachbarin mit Einblick ergibt, dass wir beide nicht so ganz sicher sind, ob die Nachbarn mit dem Schlüssel auch wirklich richtig geschaut haben. Vielleicht zu feinfühlig und haben nicht ins Schlafzimmer geschaut oder nicht in den Heizungskeller. Wir beschließen, dass Nachbarin mit Einblick bei den Nachbarn mit Schlüsseln nochmal nachfragt. Ergebnis: die Schlüsselnachbarn sind fast sauer und fragen, woher die Einblicknachbarin das schon wieder weiß, dass man sich Sorgen macht. Es scheint dort Hoheitsrechte auf Neuigkeiten zu geben…

Ich unterdessen sehe schon Zusammenhänge zwischen meinem Technikausfall am Nachmittag und der Nichtauffindbarkeit meines Vaters. Hat man ja schon hin und wieder mal gelesen oder gehört, dass zum Beispiel Glühbirnen flackern und ausgehen, wenn mit einem nahen Verwandten etwas ist oder dass auf einmal Uhren stehen bleiben…

Die Nachbarin mit dem Einblick setzt sich ins Auto und fährt den Supermarkt an, um zu schauen, ob das Auto meines Vaters da irgendwo rumsteht. Des weiteren fährt sie zum Sportverein. Er könnte zwar in seinem Zustand keinen Sport machen, aber vielleicht hat er ja vorbeigeschaut, um dort mit jemandem zu quatschen. Kein Vater, kein Auto, Fehlanzeige…

Währenddessen halte ich wie die Einsatzleitstelle sowohl die Lebensgefährtin als auch meine Schwester auf dem laufenden. Der Adrenalinspiegel ist bei uns allen schon kurz vor dem überlaufen. Unsere Phantasie treibt wilde Blüten. Was ist, wenn ihm auf der Heimfahrt schlecht wurde und er auf der waldigen Strecke kurz seitlich in einen Waldweg reingefahren ist…

Schwester und ich überlegen schon, wie wir weiter vorgehen. Polizei anrufen? Oder vielleicht fährt sie erstmal selber raus und schaut, ob er irgendwo in seiner Wohnung ist? Schaut am besten in jeden Raum ohne Rücksicht auf Privatsphäre. Wir beschließen, dass sie rausfährt. Währenddessen rufe ich die Nachbarin mit Aus- und Einblick an, um ihr zum einen zu sagen, dass eben meine Schwester persönlich rausfährt und um sie zu fragen, was wohl als nächstes angebracht wäre. Polizei alarmieren?

Ich weiß, dass ihr Sohn bei der Polizei arbeitet und entsprechend fix hatte die Nachbarin mit Einblick ihn auch bereits über die Sachlage informiert. Dieser wiederum hatte in der Zwischenzeit mal eben kurz bei der Rettungsleitstelle nachgefragt, ob irgendetwas los war, was meinen Vater hätte betreffen können. War aber nichts. Man weiß dann natürlich nicht, ob man diese Information beruhigend oder beunruhigend finden soll. Im Zweifelsfalle dann eher beunruhigend.

Frau Nachbarin mit Einblick und ich malten uns schon die unmöglichsten Situationen aus. Zum Beispiel er sei seitlich im Waldweg rangefahren, weil ihm kurz übel war. Daraufhin hätten finstere Gestalten ihn aus dem Auto gezerrt und wären mit selbigem davon gefahren (ihre Idee), während ich ihn vor meinem inneren Auge irgendwo hilflos in häuslicher Umgebung rumliegen sah. Der Sohn wiederum teilte zwischendurch mit, dass meine Schwester, sollte sie ihn nicht zuhause vorfinden, auf jeden Fall zur nächsten Polizeidienststelle fahren solle, um dort Vermisstenanzeige zu erstatten.

Wir verblieben so, dass Frau Nachbarin mit guter Aussicht weiterhin Wache am Fenster schiebt und observiert, ob sich etwas regt. Falls ja, würde sie mich sofort davon in Kenntnis setzen. Mittlerweile, nach ungefähr 45 Minuten Fahrtzeit, war dann auch meine Schwester dort angekommen.

Per WhatsApp erhielt ich von ihr die Nachricht „Er ist da“. Meine Reaktion „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ – „er war im Kino“ und „er ist erwachsen“… FTW

Lebensgefährtin angerufen und Entwarnung gegeben. Ihre Reaktion war genau wie meine mit den Worten „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ – ich gab ihr gleich mit auf den Weg, dass ich zwar das gleiche gesagt hatte, aber letztendlich dieser Ausgang der Geschichte dann doch der bessere sei. Dann die Nachbarin auf dem Wachposten angerufen, die bereits im Bilde war und mich lachend begrüßte. Und anschließend noch mit meiner Schwester telefoniert, die sich dann schon wieder auf dem Heimweg befand und mir erzählte, dass er heimkam, kaum dass sie in seiner Wohnung war und nach ihm suchte.

Nun, das ganze spielte sich so im Zeitraum zwischen 19:30 und 21:30 Uhr ab. Eine absolute Achterbahnfahrt der Gefühle. In der Zeit hing ich eigentlich ständig am Telefon, teilweise mobil und fest gleichzeitig. Und während ich das so schreibe, ist mir immer noch latent übel.

Mein Vater durfte sich dann von jedem telefonisch noch ein paar Vorwürfe abholen und die Ermahnung, beim nächsten Mal gefälligst irgendjemandem von uns Bescheid zu geben. Egal ob auf den Anrufbeantworter, per SMS, E-Mail oder sonstwie. Aber eben so, dass wir nicht kurz davor sind, den Polizeihubschrauber mit Wärmebildkamera und Flutlicht loszuschicken.

Ach, und falls es irgend jemanden interessiert, er hat sich den Film „Leon“ angeschaut, den er ganz toll fand. Ja, wir hatten währenddessen auch unseren Film – dann waren ja alle bestens unterhalten!

4 Kommentare

    • Ja, im nachhinein, wenn alles gut ausgegangen ist, kann man das ganze von der satirischen Seite aus betrachten. Aber während man drinsteckt, ist man doch ganz schön durch den Wind…
      Wünsche dir auch noch ein schönes Restwochenende 😉
      Liebe Grüße
      Salvia von Liebstöckelschuh

  1. Uns ist das mal
    mit meiner Großtante passiert-das ist so schlimm! Da war meine Mutter-die den Schlüssel für ihr Haus hat-auf Urlaub und hat natürlich,wie könnte es in so einem Moment auch anders sein, den Schlüssel in ihrer Tasche im Urlaub mit gehabt!
    Meine Cousine ist damals sogar durchs Kellerfenster eingestiegen welches sie irgendwie aufbekommen hat und schlussendlich war meine Tante im Casino. Ich war damals auch froh über den Ausgang der Geschichte aber es hatte jeder von uns die gleiche Reaktion wie du!

    Viele Grüße
    Denise von
    http://www.lovefashionandlife.at

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