Anatomie einer Absicht – Ana Bilić [Rezension]

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Wer mich kennt, weiß, dass mich alleine der Buchtitel schon dazu verführt hat, mir diesen Roman von Ana Bilić etwas näher anzuschauen. Anatomie einer Absicht – das klingt für mich so sachlich sezierend, dass mehr dahinter stecken muss als eine pure Absichtserklärung. Dieser Gedankengang wurde spätestens beim Lesen des Umschlagtextes bestätigt und meine Neugier auf diesen Titel war schnell geweckt.

 

Anatomie einer Absicht von Ana Bilić – Rezension


Und heute Morgen sagte ich ihm: „Helmut, am Abend kriegst du deine feinen Pilze…“
– Er lächelte glücklich wie ein Kind. 

 

Das größte Glück für einen Mann, ist eine Frau, die kochen kann, sagt der Volksmund. Doch möglicherweise steht hinter der Zubereitung der Leibspeise eine andere Absicht: Ana Bilić zeigt, wie die Liebe, einmal durch den Magen gegangen, sich auch in ihr Gegenteil verkehren kann.

Der Roman an sich ist kein dicker Wälzer, sondern mit seinen 148 Seiten ein eher schlankes Buch, das einem von außen suggeriert, es an einem Nachmittag gelesen zu haben. Mitnichten! Autorin Ana Bilić beherrscht die Kunst, mit verhältnismäßig wenig Worten unglaublich viel zu erzählen. Auf ausschmückende, verschnörkelte Sprache verzichtet sie völlig, sie kommt – egal aus welcher Sicht sie gerade erzählt – konkret auf den Punkt, so dass man als Leser gar keine Chance hat, dem Text zu entkommen oder sich während ein paar Seiten „Landschaftsbeschreibung“ eine mentale Pause zu gönnen. Diese gibt es nämlich nicht.

Kurz zur Handlung: Lidia, eine Frau um die Vierzig, ist seit seit vierzehn Jahren mit Helmut verheiratet, der nicht nur zwanzig Jahre älter ist als sie, sondern auch derjenige ist, der das Modell der klassischen Versorgerehe in dieser Beziehung am Leben erhält. Er bringt das Geld nachhause, während sie in erster Linie Ehefrau ist, zwar freiberuflich etwas Geld mit Übersetzungen verdienen darf, aber doch mehr als Alibi, denn als sinnstiftende Tätigkeit. Eigentlich ist alles ganz nett, wenn sich da nicht im Laufe der Jahre ein paar Vorfälle ereignet hätten, die mit eine ungesunde, aber nicht ungewöhnliche Kommunikationsverweigerung nach sich zogen. Die Situation ist die, die sich eben bei vielen langjährigen Paaren im Laufe der Jahre ergibt: man redet nicht mehr viel miteinander, sondern eher aneinander vorbei, und jeder macht sich so seine Gedanken. So auch Lidia, deren Gedanken wir gleich zu Beginn des Buches serviert bekommen.

„Ich beschloss meinen Mann umzubringen.“
Anatomie einer Absicht von Ana Bilić

 

Das erste Kapitel, aus Sicht der Ehefrau geschrieben, nimmt den Leser mit in eine Gedankenwelt, die sehr stark darauf ausgerichtet ist, Gerechtigkeit und Ausgewogenheit im Leben zu bekommen. Es wird gegeneinander aufgerechnet, wer was getan und wer wie reagiert hat, Lidia offenbart, welchen Plan sie geschmiedet hat, wie sie ihn auszuführen gedenkt und was sie sich davon erhofft. Der Plan scheint fertig zu sein, unumstößlich, und wartet nur noch darauf, ausgeführt zu werden. Lidia wird ihrem Mann Helmut sein Leibgericht servieren, selbstgesammelte Schirmpilze, die er doch so gerne isst. Und, wie sollte es anders sein, wird auch der eine oder andere Knollenblätterpilz seinen Weg in das Pilzgericht finden. Als (weiblicher) Leser wird man voll und ganz auf Lidias Seite gezogen und kann absolut nachvollziehen, wie es ihr geht und warum sie so denkt…

…und zwar genau so lange, bis man im zweiten Kapitel auf Helmut trifft, den Mann von Lidia, der mit einem Freund ein Bier trinken geht. Auch er macht sich seine Gedanken über seine Frau, die Beziehung und wie sich diese im Laufe der Jahre verändert hat. Auf einmal versteht man auch seine Sichtweise, die stellenweise konträr zu der von Lidia ist, die aber teilweise auch Lidias Ausführungen bestätigt. Womit spätesten hier klar ist, dass der Klappentext keineswegs zuviel verspricht, wenn er wie folgt lautet:

 

Wie weit darf eine Frau gehen? Sollte sie sich nicht erklären? Zweifeln? Verständnis eher denn Verstand zeigen? Schwäche eher denn Stärke? Aufgeben eher denn handeln? 

 

Ana Bilićs radikale Schreibweise polarisiert inhaltlich wie formal – hier kommt man mit Kategorien wie (weibliche) Subjektivität oder (männliche) Objektivität nicht weiter, sondern schärft seinen Blick für Zwischentöne.

So überrascht dieser Roman, indem er ein paar unvorhergesehene Kurven im Handlungsverlauf nimmt, die sich aber bei sachlicher Betrachtung als absolut schlüssig darstellen. Ich war vom Anfang bis zum Ende wirklich gefesselt von dieser sehr verdichtet geschriebenen Beziehungsgeschichte, die sich in keine Schublade pressen lässt, aber trotzdem so seltsam vertraut daher kommt. Der Schreibstil von Ana Bilić ändert sich je nach Betrachtungswinkel und ist doch jedes Mal stimmig. Vom eher kalten, sezierenden Blickwinkel der Protagonistin Lidia geht es direkt zum jovialen Stil des Gatten Helmut, um von dort im nächsten Kapitel zur Betrachtung der Situation durch Dritte zu wechseln… Autorin Bilić beherrscht die Klaviatur der Dialoge, wie man es selten antrifft.

„Sie macht die Pilze noch besser als Ulenkas Eltern…“
Anatomie einer Absicht von Ana Bilić

 

Bevor ich jedoch zuviel von der Handlung verrate, komme ich hier noch auf die verkürzte Fassung der Biografie von Ana Bilić zu sprechen, wie sie auf dem inneren Klappentext zu lesen ist:

Ana Bilić, geboren 1962 in Zagreb, arbeitet seit 20 Jahren

als freiberufliche Prosa- und Theaterautorin in Wien. In ihrem künstlerischen Lebenslauf setzt sie sich nach einem abgeschlossenen Jura-Studium in Zagreb und Wien mit Themen in den Bereichen Belletristik, Poesie und Theater und in jüngster Zeit auch Film auseinander. Als zweisprachige Autorin verfasst sie Literaturwerke auch auf Kroatisch. U. a. erschien bei dem Verlag Hoffmann und Campe ihr Roman Das kleine Stück vom großen Himmel, 2008 gewann sie den exil-literaturpreis.

Für mich glänzt dieser Roman „Anatomie einer Absicht“ von Ana Bilić durch seine verdichtete Handlung, durch den schnörkellosen, intensiven Ausdruck in Form von Monologen und Dialogen und durch den größtenteils unvorhersehbaren Handlungsverlauf. Ein meiner Meinung nach sehr gelungenes Portrait einer Beziehungsgeschichte, wie sie sich im Laufe der Jahre entwickeln kann.

Prädikat lesenswert

Wer jetzt neugierig geworden ist, der kann in den kommenden vier Tagen bis zum 15. Mai noch mehr über diesen Roman sowie die Autorin erfahren. Im Rahmen einer Blogtour, die von Literaturschock.de initiiert und vom Hollitzer Verlag unterstützt wurde, gibt es auf folgenden Blogs an den jeweiligen Tagen mehr zu lesen: Buechersindfliegendeteppiche.wordpress.com, Einanfangundkeinende.wordpress.com, Schwarzbuntgestreift.com und Literaturschock.de

Und wer sein Glück versuchen möchte, der darf an der Verlosung von jeweils einem Exemplar pro teilnehmenden Blog teilnehmen. Hier stelle ich euch heute meine Gewinnspielfrage:

Wie plant Lidia die Ehe mit ihrem Mann Helmut zu beenden?

Die richtige Lösung schreibt ihr bitte bis zum 15.05.2016, 23:59 Uhr in das Kommentarfeld. Aus allen richtigen Antworten auf meinem Blog wird dann der/die Gewinner*in eines Exemplares von „Anatomie einer Absicht“ gezogen. Teilnahmeberechtigt sind alle Personen über 18 Jahren. Mehrfachteilnahme auf meinem Blog ist ausgeschlossen und führt zur Disqualifizierung. Der Rechtsweg ist ebenso ausgeschlossen und der Gewinn wird nicht in Bargeld ausgezahlt. So, alles klar!? Dann viel Glück und viel Spaß!

Wer diesen Beitrag öffentlich teilt und mir den Link dazu in den Kommentaren übermittelt, bekommt pro erfolgreicher Teilung im sozialen Netzwerk ein Los extra gutgeschrieben.

Anatomie einer Absicht

Ana Bilić
Gebundene Ausgabe: 148 Seiten
Verlag: HOLLITZER Verlag (16. März 2016)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3990122940
ISBN-13: 978-3990122945
€ 16,90
auch bei Amazon erhältlich
Update: Die Gewinnerin ist Petra von Allesinklein.com – der Verlag wird dich sicherlich demnächst anschreiben. Herzlichen Glückwunsch! Und für alle anderen: es gibt bestimmt bald wieder die nächste Chance auf einen Gewinn, einfach dranbleiben und mitmachen!

10 Kommentare

  1. Eigentlich wollte ich an der Leserunde auf Literaturschock teilnehmen, werde aber umständehalber vermutlich kein Internet haben, deswegen ist es schön, dass die Blogtour jetzt läuft. Toller Beitrag. Lidia will Helmut mit Knollenblätterpilzen umbringen, welche sie in sein Lieblingspilzgericht zu mischen gedenkt. 🙂

  2. Liebe Salvia, das hört sich sehr lesenswert an … Ich mag Geschichten, die aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt sind. Und ich mag dichte, intensive Sprache. Also: mein Buch! Unbedingt. Um dem ein bisschen auf die Sprünge zu helfen – vielleicht gewinne ich ja: Lidia will Helmut mit einer Prise Knollenblätterpilz unter den Lieblingspilzen vergiften. Viele liebe Grüße 🙂 Petra

  3. Genau wie dich das Buch gefesselt hat, so hat diese Rezension das bei mir geschafft.Ich möchte es unbedingt lesen, und werde das tun, egal ob ich es kaufe oder hier gewinne, was natürlich megatoll wäre .:-)

  4. Hallo ,

    vielen Dank für den interessanten Beitrag .
    Lidia plant die Ehe mit ihrem Mann Helmut zu beenden in dem
    es sie ihn in sein Lieblingspilzgericht Knollenblätterpilz gibt.

    Liebe Grüße Margareta Gebhardt
    margareta.gebhardt@gmx.de

  5. Guten Morgen,

    ich möchte das Buch gar nicht gewinnen, da ich so etwas momentan gar nicht lesen mag. Aber ich finde deinen Beitrag so toll geschrieben und das wollte ich dir natürlich mitteilen. Ich werde jetzt öfter mal vorbei schauen 🙂
    Liebe Grüße
    Nina

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