Blogparade – Zurück in die Vergangenheit #TZR600

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Zum Glück hat Janett vom Blog Teilzeitreisender heute nochmal kurz daran erinnert, dass ihre Blogparade anlässlich ihres 600. Blogartikels demnächst zuende ist. Ich hatte den Start der Parade zwar vor mehr als drei Wochen mitbekommen und mich auch gefreut, dass ich zum angesagten Thema etwas beitragen kann. Aber wie das dann so ist: erst schiebt man es auf die lange Bank, dann schlägt die digitale Demenz zu und flugs ist alles vergessen. Da ist so ein Reminder immer herzlich willkommen.

Okay, dann reisen wir einfach mal zurück in die Vergangenheit. Mein erstes Mal oder so ähnlich sollte es sein. Also zum Beispiel mein erster Schwimmversuch im Mittelmeer oder meine erste Reise mit dem Flugzeug. Bei mir ist es meine erste Reise als unbegleitete Minderjährige zusammen mit meiner damaligen Schulfreundin, die zu diesem Zeitpunkt ebenfalls sozusagen unbegleitet und minderjährig war. Das alleine ist ja noch nicht weiter unbedingt abenteuerlich.

Doch noch ein Erinnerungsstück an DDR-Zeiten gefunden – ein wunderschön buntes Handtuch
in einem unsäglichen Format, zu groß als Gästehandtuch, zu klein als normales Handtuch…
Symbolbild für meine Reisegeschichte


Aber für uns ging es in ein Land bzw. in einen Staat, der heute in dieser Form nicht mehr existiert. Insofern Nostalgie pur, manche sortieren das auch unter Ostalgie ein. Wir waren Teenager und ich hatte Verwandtschaft in der Deutschen Demokratischen Republik, wo ich mit meiner Schwester vorher schon das eine oder andere Mal mit meinen Eltern und in deren Auto hingereist war. Bei besagter Reise war es anders. Ich hatte mich in den Sommerferien zuvor ein wenig verguckt in so einen Landbuben, mit dem mich dann über die Monate bis zu den Weihnachtsferien eine lebhafte Brieffreundschaft verband. Wir schrieben uns in etwa, wer auf welche Musik steht, wer schonmal geraucht hat und welche TV-Sendungen angesagt waren.

Selbstverständlich war alles, was aus dem Westen kam, für ihn höchst interessant und begehrenswert, weil in der DDR verboten. Bestimmte Musik zum Beispiel… Der Plan stand bald fest, nach Heiligabend und über Silvester ins Erzgebirge zu fahren, mit dem Zug Richtung Chemnitz, dort umsteigen in eine museumsreife Bummelbahn und bei Tiefschnee am Bahnhof des anvisierten 3.000 Seelen Dorfes zu landen. Die Fahrt dauerte den ganzen Tag und meine Freundin und ich saßen mit vier anderen Personen in so einem kleinen Abteil im D-Zug der Deutschen Bahn.

Spannend wurde es an der Grenze. Wichtig war ja immer, dass man sämtliche Papiere, Visa etc. dabei hatte und nach Möglichkeit nichts Verbotenes, wie zum Beispiel Literatur aus dem Westen, die sich als gesinnungsschädigend hätte erweisen können oder natürlich Tonträger mit West-Musik. Wir saßen also bis kurz vor dem Grenzübergang Hof noch recht entspannt im Zug. Dann stoppte der Zug und wir hatten eine Passkontrolle der Grenzbeamten der Bundesrepublik Deutschland. Alles locker und entspannt – für damalige Verhältnisse.

Anschließend die Invasion der DDR-Grenzer. Die Stimmung schlug spürbar um, kaum einer sprach noch, alle schwiegen beklommen. Alleine durch die Anwesenheit dieser in graue Uniformen gekleideten Kontrolleure bekam man ein schlechtes Gewissen, egal ob man ein Pfund Kaffee zuviel dabei hatte oder nicht.

Zu dieser Zeit hatte ich ein leidenschaftliches Hobby: ich strickte auf Teufel komm raus Pullover am laufenden Band. Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich einen selbstgestrickten sackförmigen Pulli in zwei diagonal voneinander abgegrenzten Lilatönen anhatte. Und zu diesem Modell passend strickte ich während der Zugfahrt einen Schal. Die verwendete Wolle war von Hand zu mindestens zwei kugelrunden, pampelmusengroßen Knäuel gewickelt. Total unauffällig, wie ich dachte.

Als nun die Passkontrolleure unser Abteil erreichten, natürlich zu mehreren und mit dabei eine stämmige Matrone, die als Zöllnerin unterwegs war, wurden wir, nachdem wir die Papiere ausgehändigt hatten, erstmal alle aus dem Abteil kommandiert. So standen wir dann auf dem engen Gang des Zuges und schauten, wie die DDR-Grenzer unser Gepäck begutachteten. Der Klassiker an dieser Stelle war: „Gänsefleisch mol Ihrn Goffer uffmochn!“ So durfte dann jeder einzeln zurück ins Abteil, das Innenleben seines Koffers zeigen und bei bestandener Prüfung wieder auf den Gang, damit der nächste dran kommen konnte.

Mein Herz klopfte nicht nur bis zum Hals, sondern sicherlich darüber hinaus und weithin sichtbar. Meine Kehle war komplett vertrocknet und ich wagte kaum zu atmen. Irgendwann war ich eben an der Reihe. Der Koffer wurde geöffnet, ich zitterte vor lauter Aufregung wie Espenlaub. Ziemlich uncool, aber man hatte ja schon einiges gehört, was an der Grenze unter der Willkür von DDR-Grenzern so passiert war. Die Matrone, gekleidet in ein für damalige Verhältnisse schon fürchterlich altbackenes graues Stoffkostüm, blickte also mit geschultem Blick in meine Klamotten, wühlte ein wenig rum und fand – nichts. Aufatmen!

Dann schaute sie in mein Handgepäck, irgendein Stoffbeutel in dem neben etwas Reiseproviant mein Strickzeug war. Dort sah sie die aufgewickelten Wollknäuel. Nahm einen. Schüttelte ihn. Hörte etwas. Ich war kurz davor, zusammenzusacken und leise am Grenzübergang der BRD zur DDR an klammheimlichem Herzversagen zu sterben. Sie schöpfte Verdacht, stocherte mit meinen Stricknadeln in den Wollknäueln rum, stieß auf Widerstand und mein Versteck für die zwei MusicCassetten, die voller selbst aufgenommener Westmusik waren, flog auf.

Und genau hier setzt meine Erinnerung aus. Was ich der Grenzerin erzählte weiß ich nicht mehr. Warum sie nicht die Wollknäuel konfiszierte, weiß ich auch nicht mehr. Die Fahrt wurde irgendwann fortgesetzt, wir kamen wohlbehalten an unserem Zielort an, der Landjunge bekam seine Cassetten und meine Freundin und ich verbrachten dann ein paar wunderschöne Tage bei meiner Großmutter im tief verschneiten Erzgebirge. Mit weihnachtlichen Räuchermännchen, Schwibbögen, dem Geruch von Kohleöfen und dem Gefühl, in einer völlig anderen Zeit gelandet zu sein. Für uns war das also damals eine Reise durch Raum und Zeit…

Als wir dann Anfang Januar, vermutlich so um den Dreikönigstag, wohlbehalten wieder auf dem Stuttgarter Hauptbahnhof landeten, waren alle wieder froh, vor allem auch unsere Eltern. Die hatten zwar von unserem Grenzerlebnis bis dato noch keine Ahnung, aber mittlerweile waren Militäreinheiten der damaligen Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert und zu Zeiten des kalten Krieges fürchtete man mitunter schnell das Schlimmste und wollte deswegen seine Brut nicht unbedingt hinter dem Eisernen Vorhang wissen.

Im Rückblick ging alles gut für uns, nur wenn man mitten drin steckt, weiß oder glaubt man das manchmal nicht…

So, ich hab’s geschafft, den Beitrag für Janetts Blogparade noch auf den letzten Drücker zu schreiben. Nur das dazugehörige Bildmaterial existiert lediglich noch in meinem Kopf. Damals wurde noch nicht alles und ständig fotografiert, deswegen gibt es sinnbildlich nur das Foto von einem Handtuch „made in GDR“ im VEB Otafro. Wunderschön und sehr stylish – habe es neulich mal irgendwo in einer Kiste bei uns herausgewühlt …

3 Kommentare

  1. Spannende Geschichte. Und gut geschrieben. Meine Tante hatte mal Besuch von ihrer Nichte aus dem Westen, sie war in meinem Alter und wir gingen dann auch zusammen zur Disco. Ihre Klamotten waren natürlich "urst schau". Sie hat sich dann hier bei uns in der DDR ganz viele Bleistifte, Schulhefte usw. gekauft, ich habe das damals gar nicht verstanden. Sie meinte dann, das ist hier so günstig und gute Qualität.

    Viele Grüße,
    Moppi

    P.S. Aber es haben nicht alle in der DDR gesächselt. Grade diese Witze, wenn Westler Ossis nachmachen "Gänsefleisch…." waren noch nie lustig – außer ein Ossi erzählt es. 😉

  2. Jetzt, da du es schreibst, fällt es mir wieder ein. Auch ich habe damals bei Papier und Zeichenbedarf immer Großeinkauf gemacht. Ich erinnere mich noch daran, dass ich mal auf einen Schlag zehn DIN A 3 Aquarellblöcke gekauft habe. Man musste ja immer pro Person und Tag einen bestimmten Betrag umtauschen, den man fast nicht mehr losbekam. Deswegen wurde eben in solche Gebrauchsgüter investiert.

    Und meine Großmutter schenkte mir damals nach und nach fast die komplette Aussteuer in Form von weißer VEB-Bettwäsche, vielen bunten VEB-Handtüchern (siehe Foto) und vieles andere mehr …

    Der Gänsefleischsatz ist natürlich schon ein wenig ausgelutscht, ich weiß. Auch dass nicht alle gesächselt haben ist klar. Wir waren aber immer im tiefsten Sachsen und da kam es dann schon in etwa hin, auch wenn man zunächst nach dem Grenzübergang eine Weile durch Thüringen fuhr. Mein Deutschlehrer damals wusste immer sofort, wenn ich wohl wieder die "Verwandtschaft drüben" besucht hatte. Den Dialekt habe ich dann wohl immer mitgebracht…
    Liebe Grüße
    SvL

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