Das innere Korsett [Rezension]

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Vor den momentan in sämtlichen Richtungen diskutierten Ereignisse an Silvester in Köln und in anderen Städten könnte dieses Buch kaum passender besprochen werden. Ohne jetzt in diesem Zusammenhang auf diese Ereignisse zum Jahreswechsel näher einzugehen, bei denen es sich um massive sexuelle Belästigungen von Frauen durch Gruppen von Männern handelte, möchte ich heute ein Buch vorstellen, das sich mit der Thematik beschäftigt, wie Frauen heutzutage in unserer westlichen, aufgeklärten Welt mehrheitlich nur die zweite Geige spielen.


Frauen dürfen heute alles, aber kommen oft trotzdem nicht vom Fleck. Sie dürfen eine gute Ausbildung wahrnehmen, dürfen Karriere machen, dürfen Kinder bekommen und trotzdem verdienen sie weniger, haben im Alter geringere Bezüge und müssen oft innerhalb des gleichen Zeitkontingents mehr leisten als Männer. Warum eigentlich? Sind wir nicht inzwischen so emanzipiert, dass solche Ungleichheiten gar nicht mehr auftreten sollten? Haben wir nicht mittlerweile eine echte Gleichberechtigung erreicht, die tatsächlich Frauen wie Männern die gleichen Chancen in allen Lebensbereichen einräumt?

 

Die beiden Autorinnen Gabriela Häfner und Bärbel Kerber sind in ihrem Buch Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen, erschienen im Verlag C.H. Beck, auf dieses Phänomen eingegangen, dass sich seit einigen Jahren wieder verstärkt zeigt. Es gibt zwar einige vorzeigbare Karriere-Frauen, die es bis an die Spitze geschafft haben und die den Frauen als Vorbilder dienen, aber tatsächlich sind solche Positionen für den Großteil der Frauen unerreichbar, weil sie heute wieder mehr als noch vor ein, zwei Jahrzehnten in traditionelle Rollenbilder zurück driften. Die Erziehung, der sich bereits kleine Mädchen ausgeliefert fühlen müssen, sitzt bombenfest wie ein inneres Korsett und verhindert dadurch, dass sie später als erwachsene Frauen die gleichen Chancen wie Männer haben.

Zwar dürfen Mädchen rein theoretisch alles lernen und machen wie Jungen auch, aber unterschwellig wird wieder verstärkt an einem sehr traditionell orientierten Frauenbild gearbeitet. Eine Frau hat gefälligst – auch wenn sie Karriere machen sollte – liebevoll, anschmiegsam und fürsorglich zu sein, darüber hinaus stets ein attraktives Äußeres zu haben und überdies noch Karriere, Haushalt, Kinder und Beziehung mit links unter einen Hut zu bringen. Soviel zu den Idealvorstellungen, wie Frauen zu sein haben bzw. was ihnen als Idealbild von allen Seiten suggeriert wird.

Gabriela Häfner und Bärbel Kerber zeigen in ihrem Buch systematisch und sehr anschaulich alle „Weibchenfallen“ auf, in die man teils bewusst, teils unbewusst im Laufe eines Lebens treten kann. Angefangen zum Beispiel bei der unterschiedlichen Erziehung von Mädchen und Jungen, die einem durchaus bewusst sein kann, aber die man als Mutter eben mitmacht, damit das Kind im Kindergarten oder in der Schule nicht ausgegrenzt wird. Es ist schwer, sich dem Rosalilapinkviolettnebel zu entziehen, wenn die Mehrheit der Mädchen im Kindergarten genau so erzogen wird. Schließlich möchte man als Mutter nicht, dass die eigene Tochter ausgegrenzt wird, weil sie eben nicht in das niedliche Prinzessinnenschema passt und kauft ihr dann das Prinzessinnenkleid zu Fasching, die komplette Puppenausstattung in rosa zum Geburtstag und die pinkfarbenen Einhörner zu Weihnachten.

Auch in der Schule geht es weiter mit der geschlechtsspezifischen Erziehung. Während die Jungen gerne den Klassenkasper spielen und wild sein dürfen, es ihnen auch nachgesehen wird, weil sie eben Jungen sind, erwartet man von Mädchen Anpassung, Fleiß und Gehorsam. Wer da als Mädel nicht mitzieht, wird ziemlich schnell alleine auf dem Schulhof dastehen. Dafür sorgen dann schon die KlassenkameradInnen. Schreibt ein Mädchen gute Noten, dann hat es diese seinem Fleiß und seiner Disziplin zu verdanken. Schreibt in Junge gute Noten, dann deswegen, weil er einfach ein schlauer Kerl ist, der sich für vieles interessiert. So entnahm ich es dem vorliegenden Buch Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen und so kann ich es auch aus eigener Erfahrung bestätigen.

Bücher für Mädchen handeln meist von Ponyhöfen, Prinzessinnen und Meerjungfrauen, während sich Kinderliteratur für Jungen oft um Helden, Kämpfer und anderen aktive Protagonisten dreht. Frauenrollen in Schulbüchern kommen oft nur als Mutter vor, sind sie berufstätig, dann mit Berufen wie Krankenschwester, Friseurin oder Lehrerin, während die Männer im Lehrmaterial meist als aktiv und experimentierend dargestellt werden. Ferner wird Kindern schon in der Grundschule durch die geschlechterspezifische Rollenverteilung vermittelt, dass Frauen die Umsorgung und Wissensvermittlung als Lehrerinnen übernehmen, Männer hingegen bestimmen als Schuldirektor wo’s lang geht oder als obligatorischer Schulhausmeister, der eben auch als Autoritätsperson gilt, wenn auch auf einer anderen Ebene.

Spätestens in der Mittelstufe wird es dann für die Mädchen zunehmend wichtiger, viel Zeit in ihr Äußeres zu investieren, möglichst sexy und gestyled in der Schule zu erscheinen. Würden die Mädels die Zeit, die sie benötigen, um sich dem von Medien oktroyierten Frauenbild anzugleichen, lieber in ihre Skills in Sachen Mathe, Physik und Chemie stecken, dann könnten sie sicherlich später auch vermehrt die Studienfächer belegen, die eben sonst mehrheitlich von männlichen Studienanfängern gewählt werden und die in Berufen enden, welche besser bezahlt werden als die frauentypischen.

Und natürlich gibt es auch die Erziehung der erwachsenen Weibchen durch die ständige Präsenz von ganz bestimmten Frauenbildern, egal ob durch TV-Serien, in denen Frauen als Zuarbeiterinnen ihrer männlichen Helden dargestellt werden, in Action-Filmen allenfalls hübsche Deko für den Helden sind, in der Werbung als heiße und immer willige Appetithäppchen oder als Familienmanagerin in Erscheinung treten oder in der Boulevardpresse Promi-Frauen mit heimlichen Schnappschüssen am Strand aufgrund ihrer Kurven gelobt und wegen der sichtbaren Zellulitis verdammt werden.

Last, but not least finden die beiden Autorinnen auch anschauliche Beispiele des täglich praktizierten Sexismus, dem sich Frauen hierzulande eben auch ausgesetzt fühlen müssen und der eben nicht nur in patriarchalisch regierten Ländern mit ausgeprägter Macho-Kultur vorkommt. Solange immer noch werbewirksam Busen, Po, weibliche Kurven oder nackte Haut vermarktet werden, egal ob für touristische Ziele im Schwarzwald, Autorreifen, Eiscreme, Möbelhäuser oder Baumärkte, dann wird sich am Frauenbild in der öffentlichen Wahrnehmung nur schwer etwas ändern.

Für mich ist der Titel Das innere Korsett – Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen ein absoluter Augenöffner, der genau dort hin zeigt, wo trotz vermeintlicher Emanzipation der Frauen einiges im Argen liegt, heute wieder mehr als vor einigen Jahren. Dieses Buch sollten nicht nur Frauen lesen, denen das selbst auch auffällt, sondern auch Männer, die beispielsweise Töchter haben und für diese gerne mehr möchten als die spätere Erfüllung der traditionellen Weibchenrolle. Oder Männer, die sich dafür interessieren, wie es ihrer Frau, Freundin oder Kollegin ergeht.

Auch wenn die Autorinnen Häfner und Kerber letztendlich keine sofort umsetzbaren Lösungen präsentieren können, da ein Gesellschaftswandel eben nicht wie ein Backrezept umgesetzt werden kann, so bringen sie doch sehr stark all die kleinen und großen Korsettstangen ins Blickfeld, derer man sich dadurch bewusst werden kann und sich dadurch zukünftig einer (Um)formung entziehen kann.

Das Buch bekommt von mir eine klare Empfehlung, zumal es gut und unterhaltsam geschrieben ist und sämtliche Argumentationsbeispiele mit nachvollziehbaren Quellenangaben versehen sind.

Das innere Korsett
Wie Frauen dazu erzogen werden, sich ausbremsen zu lassen

Gabriele Häfner und Bärbel Kerber
Taschenbuch: 217 Seiten
Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (10. Februar 2015)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3406675298
ISBN-13: 978-3406675294

Meine Frage an euch: Kennt ihr dieses Buch schon? Was sind eure Erfahrungen im Alltag als Frauen oder mit Frauen in Bezug auf Beruf, Verdienst, Karriere und natürlich auch in Bezug auf die öffentliche Wahrnehmung? Könnt ihr bestätigen, dass die geschlechtsspezifische Erziehung bereits im Kindergarten oder schon eher ansetzt? Ich freue mich auf eure Kommentare!

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