November

0

Eigentlich sollte der November ganz anders sein, als er jetzt ist. Am ersten des Monats stellte er sich noch in seinem erwarteten Gewand vor – neblig, grau und trüb. Ich stand am ersten November abends auf dem Balkon und freute mich gar sehr, dass die „Suppe“ so tief stand, dass sogar unser berühmt-berüchtigtes Heusteigviertel im Nebel versank. Es war gar gruselig nach der auffällig ruhigen Halloween-Nacht.

 

Der erste November ist mir sowieso als ein Datum in Erinnerung, an dem sich schlagartig etwas zu verändern scheint, gerade so, als ob einer einen Schalter umlegte und sich die Wetterbedingungen in diesem Fall von einem Tag auf den anderen massiv zu verändern scheinen.

So jedenfalls erfuhr ich es vor ein paar Jahren, als das Kind noch kleiner war und in Stuttgart der sogenannte Winterzauber, ein Vorläufer des Weihnachtsmarktes, auf dem Schlossplatz bereits im Oktober begann. An einem ersten November wurde wie von Geisterhand die goldene Oktoberstimmung abgeräumt, es fegte stattdessen ein kühler, eisiger Hauch des Todes durch die Atmosphäre und wir hatten zu diesem Zeitpunkt nichts besseres zu tun, als nach einer kurzen Stippvisite beim Winterzauber noch einen Abstecher auf unserem musealen Hoppenlaufriedhof zu machen.

 

 

Auf diesem liegen diverse Dichter & Denker, aber auch Industrielle, Militärs und andere Bürger der Stadt Stuttgart begraben. Aktuell finden hier aber schon lange keine Bestattungen mehr statt, sondern der Friedhof ist eher als ein mittlerweile leicht baufälliges Stadtdenkmal zu verstehen. Ganz besonders ist der jüdische Friedhof, der innerhalb des Hoppenlaufriedhofes nochmal abgegrenzt ist und eine ganz eigene Welt eröffnet.

Ich erinnere mich noch genau, wie wir damals zu dritt durch den Friedhof spazierten, dann das Tor zum jüdischen Friedhof öffneten und unabhängig von einander das gleiche Gefühl hatten: eine total verdichtete Atmosphäre, gerade so, als ob sich zwischen uns noch andere Wesen bewegten, die wir aber mit dem Auge nicht wahrnehmen konnten. Es war ein absolut seltsames Gefühl und passte dermaßen gut zu Allerheiligen, als ob die Szene der Fantsie eines Gruselfilmregisseurs entsprungen sei. Dieses Erlebnis oder diese Erleben hat sich seither auch nie mehr wiederholt, obwohl wir immer wieder mal durch diesen Friedhof spazieren.

 

 

Heute hingegen, am 8. November, war das Wetter unnovemberlicher wie es kaum geht. Viele freuen sich, wenn es mild bis lauwarm ist, auf mich wirkt es eher bedrohlich, wenn ich im November noch kurzärmlich flanieren gehen und dabei ein Eis essen kann. Wenn es nach mir ginge, dürfte der elfte Monat hierzulande gerne grau, nieselig, kalt und gemeinhin als ungemütlich bezeichnet werden. Und nicht so wie heute, dass er golden wie der Oktober leuchtete und von den Temperaturen gar noch dem Altweibersommer Konkurrenz machen wollte.

Wir haben die Situation heute ausgenutzt und einen riesigen Stadtspaziergang gemacht, der uns aus den üblichen Reviergrenzen hinausführte und bei dem ich meiner Tochter einfach mal ein paar Orte meiner Vergangenheit zeigte und ihr die passenden Geschichten dazu erzählte. So eine Art sentimental journey…

Zuhause angekommen setzte ich diese gedankliche Reise in die Vergangenheit fort, was ja dank ausgefeilter freiwilliger Überwachungsmechanismen heutzutage für jeden Zivilisten einfach durchführbar ist. Will heißen, man recherchiert ein wenig im Netz nach Personen aus der Vergangenheit und bringt sich mal kurz auf den neuesten Stand.
Aufschlussreich für mich war’s auf jeden Fall und ich habe die eine oder andere Inspiration gewonnen, die mich sicherlich in der nächsten Zeit an für mich vergessene Orte führen wird. Vielleicht gibt es ja auch darüber dann etwas Geschwafel auf dem Blog… schaumermal.

Kommentiere den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here