Wenn man so ein Kind sein eigen nennen darf, dann erlebt man täglich mindestens eine Überraschung. Wenn ich mich an meine Kindheit zurück erinnere, so weiß ich meist noch ziemlich genau, welche Überraschungen ich meinen Eltern beschert habe. Stets mit nichtwissender Unschuldsmiene und völliger Verblüfftheit, wenn mal wieder irgend etwas zutage trat. Die Überraschungen, die von mir kamen, waren oft in Form von Schulbriefen, in welchen dann meine Eltern vor den Kadi Rex zitiert wurden.

Treppenaufgang in der Schule

Und wie das damals so war, hatte ich das Nachsehen und durfte mich an zwei Fronten verteidigen. Einmal gegenüber der Schule, zum anderen natürlich zuhause, da, wo man eigentlich einen Hort der Zuneigung, bedingungslosen Liebe und Loyalität erwartet – zumindest als Kind, solange man es noch nicht besser weiß.

Natürlich will ich keineswegs damit behaupten, dass ich nicht Elternliebe, Fürsorge und dergleichen in mindestens ausreichendem Maße genießen durfte – manchmal war’s mir sogar zuviel!

Heute ist das alles ein bißchen anders, aber stellenweise auch ziemlich ähnlich. Wenn mir heute mein Kind erzählt, dass es in der Schule von der Lehrerin XY blöd angemacht wurde, weil der Schülerkalender nicht so geführt wurde, wie’s der Lehrerin genehm ist, dann haue ich mit dem Kind in eine Kerbe, versuche aber gleichzeitig einfließen zu lassen, dass es von rein praktikabler Seite besser wäre, den Schülerkalender oder das Hausaufgabenheft so zu führen, dass man auch noch durchblickt, was man so zu tun hat. Effekt: Das Kind und ich lachen herzhaft über die blöde Lehrerin, sind dadurch verbündet und das Kind verspricht mir hoch und heilig, ab sofort alle Hausaufgaben nicht nur gewissenhaft aufzuschreiben, sondern auch zu erledigen. Sein Wort in des Allmächtigen Ohr! Schaumermal…

Dafür verblüffte mich das Kind parallel dazu mit einem plötzlichen Hang zur hohen Literatur. Will meinen, das Kind fragte mich nach Shakespeare, Goethe, Schiller und Hölderlin. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Kinnlade oben blieb, als ich nach Büchern dieser Klassiker gefragt wurde.

Ob das wohl was damit zu tun hat, dass man derzeit ständig Gedichte schreibt, die eine Mischung aus Melancholie, Sehnsucht und Altersweisheit sind!? Und die mir täglich hier mehrfach im gleichen Wortlaut vorgebetet werden, so dass ich mich bereits ertappe, dass mir bestimmte Zeilen beispielsweise beim Kochen durch den Kopf gehen, in diesem Moment nicht dessen bewusst, dass die Zeilen vom Kind sind. Ich bete das dann mantramäßig im Kopfinnern vor mich hin und überlege, von wem das sein könnte und wenn ich dann die Erleuchtung habe, muss ich herzhaft lachen.

Ja, da sind die Gedichte auf der einen Seite, auf der anderen Seite die ständige Nutzung von Tablet und Smartphone für WhatsApp und Instagram, wo man dann als Erziehungsverpflichteter durchaus mal dazwischen funkt, indem man das Funknetzwerk still legt, damit das Kind zu allem Überfluss nicht noch mehr verblödende Videos auf Youtube anschaut.

Aber neulich dann – Pustekuchen! – ertönte ein lautes Protestgeschrei aus dem Kinderzimmer, weil ich WLAN schon abgeschaltet hatte, bevor das Kind mit irgendetwas Digitalem fertig war. Die Worte hörten sich gar wüst an, die ich vernahm, nicht nur, dass ich die mieseste Mutter aller Zeiten war, nein, im Rundumschlag wurde mir gleich vorgeworfen, mich doch noch nie fürs Kind interessiert zu haben. Sei’s drum, dafür ist es aber bombastisch gediehen.

Auf meine Nachfrage, wobei ich es denn unterbrochen habe, bekam ich als Antwort zu hören, dass man gerade „Die Faust“ von Goethe lese und bei einer spannenden Stelle angekommen sei und das Kapitel eigentlich sowieso bald zu Ende sei. Wo war sie denn angekommen? In Gretchens Stube, bei „mein Ruh‘ ist hin, mein Herz ist schwer…“ – Sapperlot, neulich hat das Kind noch in die Windeln gekackt und jetzt liest es schon FREIWILLIG Faust! Ich bin von den Socken!

Wenn ihr jetzt auch mal „Die Faust“ von J. W. v. Goethe lesen wollt, euch aber nicht gleich einen Haufen bedrucktes Papier in den Schrank stellen mögt, dann könnt ihr das für lau und völlig digital beim Projekt Gutenberg lesen. Probiert’s mal, vielleicht kommt ihr auch noch auf den Geschmack 😉

6 KOMMENTARE

  1. Hölderlin per WhatsApp? Goethe auf YouTube? 🙂
    Kinder sind wirklich voller Überraschung. Sohn 1 hat damals freiwillig für seine Seminararbeit das Thema: Goethe in der Comic-Kultur gewählt, was zur Folge hatte, dass sogar wir Eltern uns nach Jahren einmal wieder mit diesem Klassiker auseinander gesetzt haben.
    LG
    Sabienes

    • Kann sein, dass ich etwas wirr geschrieben habe, aber ich meinte eher, auf der einen Seite zieht man sich irgendwelchen banalen Käse auf YT rein, chattet banales Zeug via WA und auf der anderen Seite fühlt man sich reif für Goethe, Shakespeare, Hölderlin & Co…
      Das kann ja noch heiter werden ^^

    • Nein, ich denke, ich habe dich schon richtig verstanden. Hoffe ich. 😉 Bei uns lief das ganz ähnlich Widersprüchlich ab, deswegen auch dieses Seminarthema. Ich denke aber, dass es sehr positiv ist, wenn die Jugend in der Lage ist, über den Tellerrand zu blicken.
      LG
      Sabienes

  2. Juhu, darf ich fragen wie alt? Ich hatte das nämlich als Jugendlicher und war fasziniert von Shakespeare & Co. Ich verschlang alles und fand es sehr inspirierend.
    Liebe Grüße Tanja

  3. Sie wird demnächst elf – das ist ja das seltsame 😉
    So ab Mittelstufe fände ich das auch normal, da hat manchmal so lyrische Phasen, aber jetzt!? Und sie behauptet auch noch, sie würde das alles verstehen, was ich aber kaum glaube…
    Schaumermal, welche Phase uns dann als nächstes erwartet 😉

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