… in den Discounter deines Vertrauens um deine Samstagseinkäufe zu erledigen und machst dort eine Begegnung der dritten Art. So jedenfalls ging es mir heute.

Ziemlich spät für einen Samstag, aber dennoch im zeitlichen Rahmen ging ich so gegen 18 Uhr in meinen Haus- und Hofdiscounter, um noch das eine oder andere zu besorgen, damit wir das Wochenende überleben.


Ich war gerade am Ende der Gemüsezeile angekommen, da stand auf einmal links von mir ein Typ, den ich nicht habe herannahen sehen, und quatschte mich an. Leider kann ich hier die Art und Weise, wie er sich artikulierte, nicht schriftlich wiedergeben. Alleine das schon war seltsam genug.

Er redete in einer Art, die gleichermaßen hastig und versteckt war, so als müsse er seine Botschaften möglichst schnell und unentdeckt an sein Gegenüber bringen. Das ganze mit einer in der Lautstärke unterdrückten, nicht gesättigten Stimme. Aschblond, mit naturgewelltem, etwas längerem Haar, zwar nicht schulterlang, aber so, wie in etwa ein durchgestufter Kurzhaarschnitt aussehen würde, wenn man 12-18 Monate nicht mehr zum Friseur ginge. Bekleidet mit einer Jeans und einer für die Außentemperatur etwas zu warm anmutenden, wattierten Jacke, weiß und mächtig angeschmuddelt an den Ärmelbünchen, den Tascheneingriffen und vorne am Reißverschluss mit Tintenschmierern versehen. Der Reißverschluss war übrigens bis oben hin geschlossen.

Aber nun zum Dialog:

Hallo, ich kenn Sie. Ich hab Sie neulich schon gesehen, als sie ihre Tochter von der XY-Schule abholten.

Ah? Da kann ich mich nicht daran erinnern.

Jaja, doch. Ich hab Sie gesehen. Ich bin ja auch an der XY-Schule.

Ah, haben Sie auch ein Kind dort?

Nein, nein, ich unterrichte dort.

Ach das ist ja interessant. Welche Fächer unterrichten Sie? (wohlwissend, welche männlichen Lehrer an der XY-Schule tätig sind, der jedenfalls nicht)

Äh, ja, also ich gebe Nachhilfe. Ein Kind von der XY-Schule habe ich damit sogar schon an die ABC-Schule gebracht (Anm.: Das ist eine Haupt- bzw. Werkrealschule)


Gut zu wissen, dass Sie Nachhilfe geben. Und welche Fächer decken Sie ab?

Ja, also ich gebe Nachhilfe in und jetzt kommt eine Aufzählung sämtlicher Fächer, die ich mir nicht gemerkt habe.
Ich gebe Ihnen mal meine Visitenkarte. (ewiges Gesuche in der Hosentasche, bis er eine Handvoll komplett zerfledderter Visitenkarten unterschiedlicher Designs hervorgekramt hat.)

Oh, danke. Das ist gut. Man weiß ja nie…

Ich weiß übrigens, wo Sssie wohnen. Ich habe Ssssie neulich beobachtet, beim Straßenfest. Da habe ich gessssehen, in welches Hausss Sssie gegangen sind und wo Sssie wieder heraus kamen.

(oha!)

Und Ihre Tochter? Das ist doch Ihre Tochter? In welche Klasse geht Sie?

(hier habe ich dummerweise geantwortet)

Und in welche Schule geht Sie anschließend?

(und hier habe ich zum Glück gesagt, dass es ihn nichts angehe)

Haben Sie heute abend schon etwas vor? Wir könnten uns doch treffen!

Nein, danke. Ich habe schon etwas vor.

Und wie sieht es morgen aus? Wir könnten doch miteinander schwimmen gehen.

(Ja, klar. Ich gehe grundsätzlich mit wildfremden Männern, die mich wohl schon tagelang beobachten, beim ersten Date zum Schwimmen. Nichts lieber als das!)

Tut mir leid, ich gehe nicht zum Schwimmen.

Ja, aber wir können ja uns auf jeden Fall mal treffen.

Nein, tut mir leid, ich habe keine Zeit und muss jetzt weiter. Und tschüss!

Ich verschwand irgendwo zwischen den Regalen und am Kühlregal für Milch und Käse hatte er mich dann auf einmal wieder erwischt. Diesmal von rechts. Er fragte noch nach meinem Vornamen, damit er wisse, wer dran ist, wenn ich bei ihm anriefe. Die schmuddelige Visitenkarte durfte ich mittlerweile mein eigen nennen und auf dieser fiel mir sofort der dubiose Namen auf, der meiner Meinung nach sehr erfunden wirkte, aber keinesfalls echt. Der Name war so typisch für Romanhelden mit einer Alliteration, wie zum Beispiel Bernhard (Börnie) Berger. Dieser Name hier ist jetzt von mir frei erfunden und hat nichts irgendwelchen lebenden Personen zu tun. Ist lediglich als Exempel gedacht…

Nachdem ich noch eine Weile im Discounter herum getrödelt hatte, um diesem Typen auf jeden Fall nicht mehr im Laden begegnen zu müssen, zahlte ich irgendwann und hoffte, ihm nicht mehr über den Weg laufen zu müssen. Ich steuerte meine Adresse an und nie war ich so froh, einen Einsatzwagen der Polizei bei uns wenige Meter vor der Eingangstür parken zu sehen wie heute abend. Wenn da auch noch ein oder zwei Polizisten drin gesessen wären, ich hätte sie glatt auf diesen merkwürdigen Vorfall angesprochen. Zumal ich ständig das Gefühl hatte, dass der Typ nur sekundär an einem Date mit mir interessiert war, sondern primär an einem Zugang zu Frischfleisch.

Zuhause habe ich natürlich gleich meine Recherchemaschine angeworfen und nach Namen, E-Mail-Adresse oder Handynummer gesucht. Die Trefferquote war gering, wenn nicht gar gleich Null. Aber irgendwie ließ mich das Gefühl nicht los, dass ich ähnlich formulierte Nachhilfezettel schon genügende bei uns im Viertel gesehen hatte, ähnlich formuliert wie auf der schmuddeligen Visitenkarte, die er mir überreicht hatte.

Ich sollte Recht behalten. Gegen später machten wir zwei Spürnasen uns nochmal auf den Weg und Frollein Tochter, ganz die Assistentin von Miss Marple, entdeckte auch schon bald so einen Nachhilfezettel, der an einem Laternenpfahl festgeklebt war. Leider waren die Abrisse mit der Telefonnummer alle schon weg, aber wir steckten den restlichen Zettel ein, der hundertfach mit transparentem Klebestreifen am Träger regenfest angeklebt war.

Und siehe da: gleiche Formulierung und gleiche Qualifikation wie auf der Visitenkarte, aber ein anderer, ziviler anmutender Name. Und den fand ich dann auch in der Recherchemaschine. Und damit auch die Adresse. Dann war’s ein leichtes, mal eben vorbei zu schauen und zu dokumentieren. Für alle Fälle…

Bin gespannt, wann sich die Wege wieder kreuzen. Und bin der Meinung, dass ich meine Tochter ganz bestimmt niemals dorhin zur Nachhilfe schicken würde. Auf gar keinen Fall. Ich habe inzwischen gelernt, auf mein Bauchgefühl zu hören.

12 KOMMENTARE

  1. bei mir haben sich beim lesen gerade die nackenhaare aufgestellt – das ist mehr als beunruhigend.
    ich hoffe der typ kommt nicht nochmal um die ecke und lässt sich schon gar nicht in der nähe eures zuhauses und vor allem nicht in der nähe deiner tochter blicken.

    solche begegnungen braucht man echt nicht..

    lieben gruß,
    miriam

    • mir ging's nicht anders – vor dem lesen! ich fürchte, wir werden diesem typ bestimmt nochmal über den weg laufen, da er wirklich in unseren viertel wohnt…
      wenn ich ihn dabei erwischen sollte, dass er hier ums haus schleicht oder rumlauert, dann werde ich sofort entsprechend handeln.
      dank bester vernetzung habe ich jetzt sowieso schon ein paar andere aus dem viertel alarmiert, so dass jetzt mal die aufmersamkeit etwas erhöht sein wird…
      lg
      salvia von liebstöckelschuh

  2. Uah, das ist total gruselig. Bei uns in 2 Nachbarorten hat laut Zeitungsbericht ein Mann sich als Opa ausgegeben und versucht, ein Kind aus dem Kindergarten abzuholen. Die Erzieher haben es zwar mitgekriegt, aber der Mann ist weg. Ich werde den Abschnitt auch den Leiterinnen unserer Kitas geben, weil ich echt Angst habe, dass in einem unbeobachteten Moment doch etwas passiert. Die Tür ist ab einer gewissen Zeit offen und der Empfang nicht immer besetzt. 🙁

  3. Mein Gott, das ist ja wirklich schaurig! Ich würde die Schulleitung von dem Vorfall in Kenntnis setzen. Gut, dass du eine so tüchtige Miss-Marple-Assistentin dabei hattest. Schon allein, damit das Mädel merkt, dass das kein Spaß ist!
    LG
    Sabienes

  4. Passt bloß auf euch auf. Da stimmt etwas ganz und gar nicht, wenn man es schon nötig hat, falsche Namen anzugeben. Und die Vorstellung, da geben Leute ihre Kinder hin…und ich würde mir total beobachtet vorkommen. Tendenziell bin ich nicht ängstlich, aber sowas geht gar nicht.

  5. Oh, das ist ja gruselig. Ich hoffe sehr, dass ihr den nicht mehr so schnell begegnen werdet. Drück die Daumen. Schade, dass die Polizisten gerade nicht in ihrem Streifenwagen waren. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man das für eine Romanvorlage halten.

    Lg Mel

  6. Oh je, das klingt ja echt erschreckend :O Ich habe wirklich eine leichte Gänsehaut grade beim Lesen bekommen.
    Ich hoffe, dass ihr diesem Vogel nicht nochmal über den Weg laufen müsst!
    LG Diandra

  7. Also mir ist beim Lesen auch ganz schlecht geworden. Das mit der Nachhilfe ist eine Sache, da kannst Du auch nur hoffen, dass bei allen Eltern die Alarmglocken läuten, wenn sie ihn sehen, aber der stalkt Dich ja regelrecht, wenn er Deine Adresse, Deinen Namen und vor allem auch die Gewohnheiten von Dir und Deiner Tochter kennt 🙁 passt gut auf Euch auf!

    LG
    Daggi

  8. Mich gruselt es hier gerade, obwohl wir knapp 27 Grad in der Wohnung haben! Himmel, der hat dich/euch beobachtet, wo ihr wohnt, wo deine Tochter zur Schule geht, usw. – es gibt so viele kranke Menschen, das ist doch nicht mehr normal!
    Va. kann ich deine Reaktion verstehen – man ist in dem Moment so baff, dass man dem Auskünfte gibt, die den eigentlich gar nichts angehen und die man dem eigentlich gar nicht geben WILL…

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