Seit ca. zwei Jahren haben wir auf dem Stockwerk neue alte Nachbarn. Es fand ein abermaliger Generationenwechsel in der Wohnung statt, der erwachsene Sohn mit Frau und zwei Kindern zog in eine größere Wohnung, dafür zogen seine Eltern mit ihrer jüngsten, aber auch schon volljährigen Tochter wieder ein.

Seitdem änderte sich das eine oder andere hier von der Atmosphäre her. Der Vater zum Beispiel pflegte grundsätzlich und gerne in der Dunkelheit im Haus herumzuschleichen. Die Mutter erwischte ich mehrere Male, wie sie in der Mülltonne rumwühlte. Ich kenne dann ja nix und frage die Leute direkt, ob sie was ganz Spezielles suchen. Das war ihr dann sichtlich peinlich.


Die erwachsene adipöse Tochter hingegen konnte stundenlang auf dem Balkon rumstehen und ins Telefon ratschen – und soviel verstand ich auch dank immer wieder eingeflochtener deutscher Worte – die ganze Umgebung durch den Kakao ziehen. Hier war einiges anders als sie es von ihrer vorherigen Umgebung gewohnt waren, die nicht unbedingt zu Stuttgarts besten Lagen zählt.

Die ganze Familie hat übrigens keinerlei Probleme damit, wenn sie beispielsweise Gemeinschaftseigentum wie Fahrstühle, Hausflure, Schaltschränke etc. für sich und ihren ausgelagerten Haushalt beansprucht. Aber wehe, es ist etwas nicht so, wie es ihnen in den Kram passt.

Der Alte beispielsweise kletterte doch tatsächlich letztes Jahr unbefugt auf dem Gerüst herum, dass an unserer Fassade aufgebaut war. Es wurden von einer im Hause ansässigen Malerfirma Schäden im Putz ausgebessert und die Front neu gestrichen. Er entblödete sich nicht, nachts im Dunklen auf dem Gerüst herumzuschleichen und wer weiß, ob er nur die Fassade betrachtet hat oder nicht auch den einen oder anderen Blick in fremde Wohnungen riskiert hat. Darüber geriet er dann auch heftig mit dem ebenfalls im Haus ansässigen Malermeister während einer Eigentümerversammlung in Streit. Der Malermeister meinte dazu, wenn er ihn einmal auf dem Gerüst erwische, dann haue er ihn von dort runter (4. Stock…)!

Irgendwann nahm diese Familie den gemeinsamen Schaltschrank im Hausflur für die Lagerung ihres Staubsaugers in Beschlag. Jedes Mal also, wenn die Wohnung gesaugt werden sollte, rammelte man die Schaltschranktür auf und anschließend wieder zu. Rammeln nicht im Sinne der Karnickelvermehrung, sondern eher im Sinne von lautstarkem Öffnen und Schließen der Tür.

Jetzt sind die beiden Eltern auch nicht mehr die allerjüngsten, das Familienoberhaupt ging dieses Jahr in Rente, und vergaßen wohl das eine oder andere Mal den Vierkantschlüssel an der Schaltschranktür. Und wie sich mittlerweile herausstellte, war er dann angeblich weg – warum auch immer – vielleicht hatten sie ihn auch einfach nur verlegt.

Eines Abends klingelte es hier mit Nachdruck an der Tür. Da wir gerade mit Abendtoilette beschäftigt waren, öffnete ich die Tür nicht, bekam aber durch die Wohnungstür mit, dass es sich um meine Etagennachbarn handeln müsse. Also klingelte ich wenig später bei ihnen und fragte, was es gäbe. Daraufhin wurde ich mehr oder weniger beschuldigt, den Schlüssel von der Tür genommen zu haben. Ich war ziemlich verdattert und sagte, dass dem nicht so ist. Sie wunderten sich noch eine Weile, wer denn dann den Schlüssel haben könne – außer mir oder meiner Tochter – und das war’s dann erstmal.

Irgendwann mal steckte der Aufzug im dritten Stock fest. Was machte man? Man klingelte bei meiner Mutter ziemlich massiv und beschuldigte sie, den Aufzug blockiert zu haben, obwohl sie den Aufzug zu fraglichem Zeitpunkt überhaupt nicht genutzt hatte. Offensichtlich haben die irgendwas gegen uns oder sie haben irgendwas gegen jeden.

Die adipöse Tochter hingegen fährt jedesmal laute Geschütze auf, wenn ihre Eltern wieder für ein paar Wochen in Kroatien sind, um dort das Eigenheim auf Vordermann zu bringen. Auf einmal kommt dann Leben in die Bude, in der sonst nur geflüstert und geschlichen wird. Am Geräuschpegel lässt sich immer gut erkennen, wenn die Alten weg sind. Im Sommer gibt es dann durchaus auch mal Balkonparties, die die ganze Straße entlangschallen und irgendwann singt man nach Art des Karaoke sehnsuchtsvolle Weisen aus dem Balkan.

Gestern war’s dann mal wieder soweit. Der Schlüssel zum gemeinsamen Schaltschrank rsp. Staubsaugerschrank der Nachbarn schien wieder verschwunden zu sein. Ich war ein paar Stunden weg und als ich gegen 15 Uhr mit meiner Tochter nachhause kam, läutete es kurz darauf schon an der Tür. Ich ging erstmal auf den Balkon um zu schauen, ob Post kommt, da ich grundsätzlich nicht mehr die Wohnungstür aufmache, wenn ich keinen Besuch oder Post erwarte. Sonst steht man hier in der Innenstadt ruckzuck irgendwelchen Strom- und Zeitungsverkäufern, Missionaren oder ähnlichem gegenüber.

Ich bin also auf dem Balkon und möchte gerade wieder in die Wohnung gehen, auf einmal geht die Balkontür der Nachbarn auf und es keift eine weibliche Stimme „Sie brauche sich nich verstecke!“ – „Äh ja, natürlich brauche ich mich nicht zu verstecken.“ …

Kurz und gut, bevor ich jetzt den ganzen Dialog aufschreibe, ich wurde beschuldigt, den Schlüssel von der Schaltschranktür genommen zu haben, und das, obwohl ich erst vor zwei bis drei Minuten nachhause gekommen bin und der Schlüssel angeblich mit Absicht vor einer halben Stunde für zehn Minuten stecken gelassen wurde und dann weggekommen sei. Demnach war mein Alter Ego schonmal vorausgegangen und hatte wohl den Schlüssel eingesackt. Anders kann ich mir das nicht erklären. Ich war komplett verdattert und fing auch noch an, mich zu rechtfertigen…

Als es mir zu blöd wurde, ging ich in die Wohnung zurück und machte erstmal via Telefonrunde meinem Ärger Luft. Heute morgen dann war der Alte hinten bei seinem Auto und polierte irgendwas herum. Als Rentner hat man ja viel Zeit, die man irgendwie totschlagen muss. Ich sprach ihn an, ob er seinen Schlüssel mittlerweile gefunden habe. Nein, war seine Antwort, er habe einen neuen machen lassen. Ich betonte nochmals, dass wir zum fraglichen Zeitpunkt nicht zuhause waren und er uns hier nicht verdächtigen möge. Er schien hier aber wirklich in seiner Meinung einen ziemlich unabrückbaren Standpunkt zu vertreten und fragte zurück, wer es dann sein solle? Etwa die Leute die über oder unter uns wohnten? Keine Ahnung… Er insistierte weiter und meinte, er habe uns genau kommen hören, das aber zu einem Zeitpunkt, zu dem wir noch unterwegs waren.

Seine letzten Worte waren dann, bevor wir ihn grußlos „im Regen“ stehen ließen, dass er denjenigen, der ihm seine Schlüssel klaue, zum Fenster rauswerfen würde, wenn er ihn erwische. Ich machte ihn noch darauf aufmerksam, dass er dann ein zum Mörder werde und entschwand…

Unglaublich!

9 KOMMENTARE

  1. oh das ist bestimmt auf dauer keine angenehme Situation, ich bin von meinen Nachbarn zwar oft genervt ,aber eher aus dem Grund das die hier alle immer wie ein paar hühner auf dem Haufen hocken und der Meinung sind das jeder dazu interesse haben müsste ,seine gesamte freie Zeit mit den Nachbarn zu verbringen, aber solche Probleme wie du sie beschreibst gibt es hier nicht, glaube da würde unser Vermieter wohl auch ein Machtwort sprechen ,der legt nämlich auf eine Familiere und Freundschaftliche Hausgemeinschaft besonders in diesem Haus hier viel Wert.

    • Hier gibt es keine Vermieter, deswegen muss man das mit den Nachbarn selbst aushandeln. Schaumermal wie's weitergeht, ob der Streithammel demnächst einen neuen Grund findet, uns anzufeinden oder ob er ein neues Gegenüber findet, an dem er seinen Frust auslassen kann. Wie mir vorhin erzählt wurde, soll es wohl zu Zeiten des Krieges im ehemaligen Jugoslawien so übel mit dem besagten Nachbarn gewesen sein, dass er sich sogar mit Landsleuten hier ernsthaft in die Haare gekriegt haben soll…
      LG
      Salvia von Liebstöckelschuh

  2. Oje, was ein Terror. Das macht auf Dauer ja keinen Spass. Schenk den Schusseln doch mal ne hübsche Kette oder einen Karabinerhaken, dann können sie den Schlüssel daran befestigen.

    • Ich habe diesem Streithammel ja empfohlen, den Schlüssel immer gleich abzuziehen oder an den Schlüsselbund anzubringen. Aber nein, das will er nicht… beginnender Altersstarrsinn?
      LG
      Salvia von Liebstöckelschuh

    • Jaja, die Grußlosen kenne ich auch… aber weniger unter den Nachbarn als vielmehr unter den Eltern, die man immer wieder trifft und deren Kids in die gleiche Schule gehen und die man daher zwangsläufig kennt 😉

  3. Oh ja, nette Exemplare der Gattung Nachbar.
    Wir wohnen in einem Haus (zum Glück nur gemietet) in zweiter Reihe, der einzige Zugang ist über das Grundstück des Vorderhauses. Dort wohnt die schlimmste Schrabnelle, die ich je in meinem Leben kennegelernt habe. Ich bin wirklich ein friedlicher Mensch, aber die Frau bringt meinen Blutdruck innerhalb von Sekunden zum kochen. Das es die Mutter unseres Vermieters ist und der eine Flachpfeife vor dem Herrn (selbst hat er vorher hier gewohnt, ist aber nach einem Jahr geflüchtet, weil er "es" nicht ertragen hat) ist die Situation inzwischen so unerträglich, dass wir nach 6 Jahren das Handtuch werfen und Ende Juli ausziehen…… noch 62 Tage….. ich kann es kaum erwarten.

    Ich wünsche viel Durchhaltevermögen.

    LG Martina

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