Glasscherben auf dem Stuhl

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Heute hatten wir ein merkwürdig bemerkenswertes Erlebnis. Tochter und ich waren in der City unterwegs und irgendwann überkam uns der Hunger zur Mittagszeit. Da wir ohnehin gerade in der Nähe des relativ neuen Italieners waren, über den ich vor seiner offiziellen Eröffnung noch recht begeistert berichtet hatte, beschlossen wir dort noch kurz zum Lunch einzukehren.


Gesagt, getan. Erst brav angestellt und gewartet, dass uns jemand einen Tisch zuweist. Warten konnte man relativ lange, es bildete sich schon eine kleine Schlange hinter uns. Der Kellner, der sich dann endlich erbarmte, meinte dann, wir hätten freie Platzwahl. Also steuerten wir einen Zweiertisch relativ in der Mitte des Lokals an, das zu diesem Zeitpunkt recht gut besucht war. Zwei dieser Tische standen eng nebeneinander, einer davon eingedeckt, der andere noch nicht abgeräumt. Wir wählten den eingedeckten Tisch.

Kind setzte sich hin und schaute komisch, stand wieder auf und rieb sich den Hintern und sagte: „Uhhh, ich habe mich gerade in einen Reißnagel gesetzt!“ – Ich empfahl ihr auf die Sitzfläche zu schauen und siehe da, es lagen diverse Scherben auf dem Stuhl, die sie auf den Tisch legte und die wir vorsichtshalber gleich mal fotografierten. Ich schickte sie nach unten, damit sie schauen konnte, ob und wie sehr sie sich verletzt hatte.

Währenddessen kam ein Kellner an unseren Tisch und fragte, was wir gerne hätten. Wir hatten noch nicht einmal eine Speisekarte erhalten und ich erzählte ihm kurz von dem Vorfall mit den Scherben. Er zuckte mit den Schultern, sichtlich wenig berührt davon, dass sich ein Gast in Scherben setzt und meinte dann, wir sollten uns doch woanders hinsetzen. Diese Logik verstand ich nicht, blieb sitzen und wunderte mich gar sehr.

Der Boden unter dem Nachbartisch, der bei unserer Ankunft noch voller gebrauchtem Geschirr stand, war noch mit Glasscherben bestückt, die ich dem Herrn Ober zwar zeigte, die ihn aber wenig beeindruckten. Keine Ahnung, wo er genau herkommt, aber ich vermute fast, dass man dort die leeren Vodkaflaschen auch einfach hinter sich wirft und dass Glasscherben auf dem Restaurantboden ganz normal sind. Anders könnte ich mir sein Verhalten, was mir wie ein achselzuckendes „tangiert mich herzlich wenig“ anmutete nicht erklären. Auf mein Verlangen, den Restaurantleiter sprechen zu wollen, meinte mein Gegenüber dann auch noch, dass er das selbst sei…

Das Kind kam derweil wieder nach oben und ich fragte nach dem Stand der Dinge. Zum Glück nur eine kleine Verletzung und ein kleiner Schnitt in der Strumpfhose, aber eben an einer Stelle, die man ungern im vollen Lokal präsentieren möchte. Das Essen kam, riss mich definitiv nicht mehr vom Hocker. Nicht etwa wegen dem Ereignis, sondern weil der Salat einfach nur ein liebloser Haufen Grünzeug war und die Spaghetti Aglio Olio den Hang zur breiigen Haptik hatten. Nachdem ich dann mit dem Essen fertig war, kam auch die Pizza vom Kind, die angeblich gut schmeckte.

Soweit so gut – vielleicht hatte der Koch einen schlechten Tag oder aber es stimmt tatsächlich, was ich andernorts immer wieder zu hören bekomme: Tialini kann man bezüglich des Essens nicht weiter empfehlen. Ich konnte es bislang kaum glauben, war ich doch vor der offiziellen Eröffnung dort ganz hervorragend essen. Aber es war zur heutigen Darbietung auch ein himmelweiter Unterschied.

Nach dem Essen verlangte ich die Rechnung, ein anderer Kellner rechnete ab und wollte uns so ganz unbedingt noch ein Dessert oder einen Kaffee nahe legen. Das Kind nahm eine Panna Cotta, ich lehnte dankend ab und bezahlte die Rechnung bis auf den Nachtisch. Außerdem bat ich um eine Dokumentation des Ereignisses, falls sich die Wunde entzünden und sich etwas größeres daraus entwickeln würde. Mit mehr oder weniger einem Satz wurde das Ereignis beschrieben, ich hinterließ unsere Adresse, beide unterschrieben und ich bekam eine Kopie davon. Selbstverständlich wollte ich auch einen Beleg für die Rechnung haben. Die Frage danach wurde mir vom Restaurantleiter mit der Antwort quittiert: „Dann hätten Sie doch gleich etwas gesagt!“. Sorry, mein Fehler. Ich hielt es für selbstverständlich, dass man einen Kassenbon bekommt, wenn man etwas bezahlt hat.

Nach dem heutigen Erlebnis sieht man mich mit Sicherheit so schnell nicht mehr, vielleicht auch gar nicht mehr im Tialini. Die Glasscherben unter dem Nachbartisch lagen die ganze Zeit noch da, es fühlte sich definitiv keiner dafür zuständig, die Splitter wegzukehren. Das wäre doch das Mindeste gewesen, nachdem ich den Herrn Restaurantleiter anfangs schon darauf aufmerksam gemacht hatte! Oder habe ich irgendwie überzogene Erwartungen an die Qualität eines Lokales, das gerne wie eine landestypische Trattoria wahrgenommen werden möchte?

4 Kommentare

  1. Was ist das denn bitte für ein Restaurant? Für sowas kann das Gesundheitsamt die schon schließen o.O Vorallem, wenn sich bei dem Kind dann auch noch etwas entzündet, was wir ja nicht hoffen wollen.

  2. Werte Schreiberin, das ist in der Tat sehr erstaunlich! Wir haben ebenfalls schlechte Erfahrung gemacht… aus Sicht eines Mitarbeiters. Wir versuchen seit Wochen das meinem Mann zustehende Gehalt zu bekommen. Er hatte nach einem Monat dort gekündigt und nur einen kleinen Teil der vielen gearbeiteten Stunden ausbezahlt bekommen….
    Liebe Grüße

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