Die Aktion „Jeden Tag ein Buch“ von Arthurs Tochter läuft sehr gut. Nach nur wenigen Tagen ist dank der Vielzahl von teilnehmenden BloggerInnen und GastautorInnen schon eine ansehnliche Auswahl an Genussbüchern zusammen gekommen. Einen Überblick der eingereichten Artikel kann man direkt hier bekommen und sicherlich die eine oder andere Inspiration bekommen für den nächsten Genussbuchkauf.

Ich habe heute auch wieder ein feines Genussbuch aus dem Regal geholt, eigentlich eher ein Büchlein, aber deswegen nicht minder genussvoll. Wobei bei diesem Thema werden sich bestimmt die Geister scheiden, ob die hier behandelten Rezepte und Lebensmittel tatsächlich ein Genuss sind oder nicht. Für die einen dürfte es hier hart an der Schmerzgrenze zum Würgreiz sein, für die anderen eine erfreuliche Bereicherung nicht nur der Lektüre, sondern auch der alltäglichen Kost.
Die Rede ist hier von dem Büchlein Schmeckt’s? Kochen ohne Tabu von Birgit Vanderbeke, erschienen im S. Fischer Verlag. Allein schon der Titel „Schmeckt’s?“ erweckt bei mir Assoziationen einer hintergründig fragenden Köchin, die ein nicht gerne gegessenes Lebensmittel in irgend etwas leckeres umgewandelt hat und dann so ganz scheinheilig fragt, ob es denn auch schmeckt. Weil man normalerweise gleich „Iehhh, das ess‘ ich nicht!“ gerufen hätte, wenn man vorher schon gewusst hätte, dass dieses Zeug da Kutteln sind. So ging es mir zumindest mal. Geschmeckt haben sie – keine Frage. Aber ich hätte sie freiwillig nie und nimmer gegessen, wenn ich mir bekannt gewesen wäre, dass es sich um dieses Hundefutter handelt.

Birgit Vanderbeke beschreibt in diesem Büchlein genau diese Lebensmittel, um die viele Leute heutzutage einen großen Bogen machen, die aber noch vor wenigen Jahrzehnten zur alltäglichen Küche hierzulande gehörten. Zum Beispiel eben Kutteln. Ich erinnere mich, dass ich als Kind diese beigen luftigen Lappen immer beim Metzger in der Auslage sah. Heute sieht man sie nicht mehr. Oder Hirn. Oder Nierchen, Leber und Herz. Die wenigsten Leute aus meinem Bekanntenkreis würden es übers Herz bringen, selbiges wissentlich zu verspeisen. Dabei sind genau diese aufgezählten Organe meist allerfeinstes Muskelfleisch, zart und von bester Qualität, wenn das Tier vorher artgerecht gehalten wurde.

Auch wenn wissentlich um Hirn, Nierchen, Leber und Konsorten gerne ein großer Bogen gemacht wird, so haben wohl fast alle Nichtvegetarier unwissentlich diese Teile schon verspeist, gut versteckt in Wurstwaren oder Pasteten zum Beispiel. Birgit Vanderbeke schreibt in unterhaltsamer Art über die zu Unrecht missachteten Innereien und schiebt immer mal wieder ganz elegant ein Rezept mit ein, dass sich einfach wie Prosa im Kontext liest und wirklich Lust macht, auch mal diese „ekligen“ Sachen auszuprobieren. Selbst Kutteln würde ich nach der Lektüre freiwillig essen, zumal ein Rezept dabei ist, dass sich sehr lecker anhört: Busecca alla triestina“, also Kutteln nach Triestiner Art.

Von den Kutteln geht es dann direkt über zu den Entenmägen, die man in Frankreich wohl gerne einmacht. Dass das so ist weiß ich lediglich aus dem Buch und keineswegs aus praktischer Erfahrung, weil ich eben um solche Delikatessen seither immer einen großen Bogen gemacht habe. Ich erinnere mich nur, als Kind gerne die Innereien inclusive des Magens von der Poularde gegessen zu haben, die bei uns jahrelang immer am ersten Weihnachtsfeiertag auf dem Menüplan stand. Damals habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht und geschmeckt hat der Poulardenmagen auch…

Achtarmige Meeresungeheuer gefangen im Packeis – genießbar nach Übewindung und Zubereitung

Über Hammelhoden geht es dann direkt weiter zu Schweinsfüßen, gratinierten Schweineschwarten, Schnecken aller Art, Muscheln und natürlich auch zu den achtarmigen Meeresungeheuern, die auch nicht jedermanns Sache sind, wenn sie en miniature auf dem Salat rumliegen oder die Spaghetti frutti die mare verzieren.

Das Buch zu lesen war ein echter Genuss für mich, da es wirklich neue Einblicke eröffnet, Lust macht, auch mal etwas abseits des Gewohnten zu probieren und vor allem sehr unterhaltsam geschrieben ist. Mehr als einmal musste ich lachen, wenn Frau Vanderbeke mit einem hintergründigen Humor, der vordergründig so harmlos daher kommt, eine Zubereitung beschreibt, beispielsweise die der Schnecken mit Knoblauchpüree auf Brennesseljus:

Bei feinen Leuten oder so großen Köchen wie Bernard Loiseau, von dem das Rezept ist, geschieht das Weichkochen etwas etepetete, sie gießen alle Naselang das Wasser weg und setzen die Zehen wieder kalt auf, und das macht man den lieben langen Tag, weil sie natürlich auf die Art einige Zeit brauchen, bis sie weich sind, und dann kriegt man vielleicht drei Sterne von Michelin; und dann kann es passieren, daß ein Küchenjunge die Zehen irgendwann nicht sechsmal neu aufsetzt, sondern vielleicht nur fünfmal, und daß dem Chef dann sofort ein Stern abgenommen wird, und dann hat sich Loiseau umgebracht, und deshalb kochen wir also die Zehen ganz ohne Stern einfach weich. (Schmeckt’s? S. 81)

Wer sich jetzt immer noch fragt, wieso es dieses Buch auf meine Liste der Genussbücher schaffte, dem sei gesagt, dass es der Autorin selbst um nichts anderes ging, als den Genuss wieder etwas mehr in den Vordergrund zu rücken. Ein in Ei ausgebackenes zartes Scheibchen Kalbshirn soll allemal mehr Genuss bieten, als zum Beispiel fertig gekaufte Fischstäbchen aus der Tiefkühltruhe oder zubereitete enthäutete und entbeinte, folierte Hühnerbestandteile, bei denen man nicht weiß, wieviel Arzneimittel in ihnen stecken und welche Nebenwirkungen diese Geflügelstücke haben könnten. Das Buch zu lesen ist darüber hinaus ein Genuss und ganz bestimmt ein Öffner des Horizontes!

Übrigens, bei Amazon liest man zum Titel Schmeckt’s?: Kochen ohne Tabu von Birgit Vanderbeke noch einige aufschlussreiche Rezensionen!

Würdet ihr Herz, Hirn oder Nieren essen? Könnt ihr euch vorstellen, dass das ein Genuss sein kann? Oder sind diese Sachen ein absolutes No-Go auf eurem Speiseplan? Bin gespannt auf eure Kommentare!

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