Zugegeben, die Überschrift ist stark vereinfacht, was die Aussage betrifft, aber im Kern durchaus wahr. Natürlich gibt es auch noch jede Menge andere Gründe außer der Mutter, die einen traumatisierten Erwachsenen verursachen, aber ich möchte eben jetzt mal nur diesen Blickwinkel aus Kindersicht zurück zur Mutter betrachten.

Iss mehr Obst, Kind, das ist ja sooo gesund!

Auf die Idee kam ich, als ich am Sonntag mit jemandem telefonierte und demjenigen anbot, er könne ein paar Orangen von mir haben, wenn er wolle, frisch und reif geerntet aus Portugal. Derjenige ist kein enger Freund von mir, wir reden normalerweise nicht über persönliche und schon gar nicht über tiefgreifende Erlebnisse. Aber kaum hatte ich ihm Orangen angeboten, schon sprudelte es aus ihm heraus, als ob dieses Erlebnis schon seit Jahrzehnten unter der Oberfläche sprudelt und endlich ausbrechen und verarbeitet werden möchte.

Ich bekam zu hören, dass er auf gar keinen Fall Orangen wünsche, da er grundsätzlich kein Obst und Gemüse esse. Ja warum denn nicht, fragte ich einfühlsam wie eine  Diplom-Psychologin. Das hänge mit einem Kindheitstrauma zusammen, das seine Mutter verursacht habe. Aha, ich tippte auf tägliches Schulvesper mit Orangen und lag damit nur knapp daneben. Es brach wie ein lange zurückgehaltener Schwall aus ihm heraus und er erzählte mir alles.

Wie seine Mutter immer wert gelegt habe auf gesunde Ernährung und ihn mit Obst und Gemüse vollgestopft habe. Und wie sie ihm immer nur Vollkornbrote zu essen gab – sicherlich Brote im Laufe seiner Kindheit – und er seitdem nur noch Weißbrot essen kann, sozusagen als späte Auflehnung gegen die mütterliche Dominanz. Verstehe, sogar sehr gut!

Und gleich erzählte er mir von einer Bekannten, die auch in späteren Jahren noch ihre eigenen Trotzphasen meistern musste um sich gegen mütterliche oder elterliche Dominanz aufzulehnen. Sie bekam zuhause stets gesagt, dass sie das Fenster nicht öffnen dürfe, solange der Heizkörper noch die On-Off-Stellung auf „On“ habe. Also erst Heizung ausmachen, dann lüften, aber möglichst so lange warten, bis der Heizkörper abgekühlt ist. Ich unterbrach ihn mit den Worten „und jetzt heizt sie wahrscheinlich immer bei offenem Fenster!“ – genau so ist es. Nur weil ihre Eltern strikt auf die Einhaltung „Heizung aus – Fenster auf!“ pochten, explodierten ihre zurückgehaltenen Aggressionen später dann in der eigenen Wohnung, indem sie umweltunfreundlich das ganze Viertel beheizte und die Kirschbäume schon im Dezember zum Erblühen brachte.

Zucht und Ordnung sowie militärischer Drill ist bei der Kindererziehung nicht immer erfolgversprechend!

Ich habe da auch so meine persönlichen Traumata, sogar meine Schwester hat es erwischt. Fangen wir erstmal mit der Schwester an. Sie, von der Gestalt her seit jeher ziemlich filigran gebaut, hatte wohl als Kind eine Gesichtsform, die eben nicht so ein puppigpummeliges Kinderengelsgesichtchen erinnerte wie meines (Ätsch!). Damit sie aber nicht immer so mager aus der Wäsche guckte, dachte sich meine Mutter einen ganz besonderen Styling Trick aus. Wenn sie mit uns zum Frisör ging, dann bekam meine Schwester grundsätzlich einen Rundschnitt verpasst mit einem Pony, der auf halber Höhe der Stirn rund geschnitten war, genauso wie die rund geschnittenen seitlichen Haare. Durch dieses trickreiche Hairstyling sollte der optische Eindruck von einem puppigpummeligen Kinderengelsgesichtchen hervorgerufen werden. Naja, es sah gelinde gesagt bescheuert aus und führte irgendwann dazu, dass meine Schwester an die Decke ging, wenn sie nur das Wort „Rundschnitt“ hörte. Zum Glück traf sie in ihrem Leben noch nie Mireille Mathieu, nicht auszudenken, was dann passiert wäre. Übrigens griff meine Schwester als Kind dann mal kurzerhand selbst zur Schere und schnitt sich die Haare so, dass nur noch ein zentimeterlanger Kurzhaarschnitt möglich war – ob das nun die Rache oder der Auslöser für den Rundschnitt war, lässt sich heute nicht mehr genau klären.

Haare lieber selbst schneiden (li.) oder einen krummen Pony in Kauf nehmen (re.)?

Ich hingegen kann mich noch sehr gut an die Haarschneidekünste meiner Mutter erinnern. Ständig zum Frisör zu gehen war zu teuer, aber ordentlich sollte der Nachwuchs ja auch aussehen. Also legte Muttern alle paar Wochen mal selbst Hand bzw. Schere an. Nach dem Baden und Haare waschen, solange die Haare noch tropfnass waren, wurde erstmal der Schopf gestriegelt und sämtliche Haare ab Zenith des Oberkopfes nach vorne gekämmt. Ich stand im Bad, leicht über das Waschbecken gebeugt, gerade so, dass mir der Porzellanrand des Beckens unangenehm in die Magengrube drückte. Es durfte schließlich beim Pony schneiden kein Härchen auf dem Boden landen.

Also, Haare stramm nach unten gekämmt, nass und dann ging’s los. Ich hatte eh die Augen zu und Mutter schnitt. Wenn ich atmete, wurde ich gleich angeschnauzt, ich solle nicht so rumwackeln, sonst würde der Pony krumm und schief, was er ohnehin wurde. Aber das Krumme und Schiefe ließ sich dann beim zweiten Durchgang ausgleichen, so dass die Assymetrie jetzt spiegelverkehrt war. Irgendwann war sie dann fertig und siehe da, der Pony war immer noch nicht gerade, geschweige denn symmetrisch! Aber nun war es eh schon zu spät und als die Haare dann trocken waren, lief ich die nächsten drei bis vier Wochen wie der Dorfdepp rum – mit einem Gefranse auf der Stirn, das nicht nur schepps war, sondern sich von der ursprünglichen Länge in nassem und glatt gekämmtem Zustand gleich nochmal um ein paar Zentimeter nach oben verkürzt hatte, sobald es trocken war.

Und mein Trauma aus diesem Erlebnis? Ich meide heutzutage Haarschneider wie die Pest! Ich bin gespannt, welchen Tick ich bei meiner Tochter verursachen werde…

Wollt ihr auch über eure Marotten sprechen, die den Ursprung in mütterlicher/elterlicher Dominanz haben? Mein Kommentarfeld freut sich über alle minderschweren Fälle 😉

8 KOMMENTARE

  1. Ganz so schlimm ist es bei mir nicht *gg* Aber mir schallt immer noch der Satz "Geh erst noch mal Pipi machen" im Ohr – egal ob ich spielen gehen wollte, einkaufen oder in die Schule, der vorherige Gang zur Toilette war ein MUSS :-)Peinlicherweise scheuche ich meine Töchter auch immer dorthin bevor wir irgendwohin gehen – aber ab heute lasse ich das sein, ehrlich 🙂

    LG

    Tina

    • also ich finde das sinnvoll, die kinder erst nochmal pipi machen zu lassen bevor sie das haus verlassen… oder habe ich da selber schon ein leichtes kindheitstrauma, weil ich auch immer vorher noch auf die toi geschickt wurde!?

  2. Dein Artikel ist echt toll und da ist wirklich etwas wahres dran. Wir mussten früher immer den Teller leer essen und die Gläser leer trinken bevor man vom Tisch aufstand. Außerdem bekamen wir zum Frühstück unsere Brötchen immer dick mit Butter bestrichen udn mussten das auch essen denn Butter war ja gesund und im Krieg wäre man dankbar um jedes Stück Butter gewesen.

    Fazit: Ich kann meine Teller nie leer essen,lasse immer etwas übrig und wenns nur der Rand von der Pizza ist. Es geht einfach nicht 😉 Und Butter mag ich noch,allerdings nur ganz dünn..

    Bis heute habe ich mir darüber keine Gedanken darüber gemacht aber dein Bericht hat mich dazu angeregt 🙂

    Ganz liebe Grüße von Nine

    • Oh ja, das kenne ich auch noch, die Teller leer essen müssen und das Glas restlos leeren. Leider mache ich das immer noch ^^
      Und die dick mit Butter belegten Brötchen gibt es heute noch direkt beim Bäcker. Neulich erst wieder, da habe ich eine Butterbrezel bestellt und die war nicht mit Butter beschmiert, sondern da lag das Zeug pfundweise drauf. Da dreht sich mir der Magen rum …
      Butter gibt es bei mir fast nicht mehr aufs Brot und wenn dann auch nur noch hauchdünn.
      LG
      SvL

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