Den heiligen Abend verbrachten wir wie letztes Jahr im beinahe angeheirateten Landhaus des Gastgebers. Die zweite Hälfte des ersten Weihnachtsfeiertges ging auf Kosten der Rekreation von Körper und Geist.

Der zweite und gefühlt dritte Weihnachtsfeiertag hingegen fand beim Schwesterlein statt. Sie hatte sich kulinarisch auch schon am Heiligen Abend ins Zeug gelegt – hätte sie nicht müssen, man hätte auch gerne etwas vorbereitetes mitgebracht. Aber am zweiten Weihnachtsfeiertag eben auch, typisch hyperaktiver Workoholic.

Es gab Tafelspitz mit Variationen vom Wurzelgemüse und Bratkartofeln aus rohen Erdäpfeln, davor ein konfitürenangereicherter Feldsalat mit Nusszusatz und danach eine Budapester Kaffeecréme, ein Dessert was auf dem Acker unserer Mutter wuchs, zumindest rein mental. Früher wurde dieses Dessert immer verabreicht, wenn Besuch kam. Wohldosiert in geschliffenen Kristallsektgläsern. Heute ist alles anders. Dessert kam gefühlt in Salatschüsseln und machte letztlich alle restlos satt.

Aber nochmal zurück zum Tafelspitz. Der schmeckte astrein, war superzart und auch das Wurzelgemüse ließ keinerlei kulinarischen Wünsche mehr übrig. Dieses Gemüse eigenete sich übrigens ganz hervorragend zum sensorischen Wissensquiz. Es war nämlich nicht ganz einfach, unter diesen bissfest gegarten Scheibchen die Pastinake, die Sellerie, die Petersilienwurzel oder Topinambur herauszuschmecken. Sieht farblich alles sehr ähnlich aus und schmeckt partiell auch verwandt… die Karotten hingegen ließen sich leicht identifizieren.

Das Fleisch wurde allenthalben gelobt, so zart und so mager, einfach gut. Im nachhinein erfuhr ich allerdings, dass Schwesterherz doch nicht ganz so überzeugt von dem von uns empfohlenen direkt schlachtendem Bauer aus dem Hohenlohischen war. Das verarbeitete Fleisch hatte wohl schon die ersten Verfallserscheinungen, bei Kriminalisten auch unter dem Begriff „Leichenflecken“ bekannt – nicht nur das am zweiten Feiertag, sondern auch schon die Rouladen an Heiligabend. Nun, wir haben’s überlebt und werden uns zukünftig den Fleischverzehr gleich noch zweimal mehr überlegen… dabei war ich wirklich überzeugt davon, dass dieser Landwirt seine Tierchen nicht nur geduzt und beim Namen genannt hatte, sondern auch noch kulinarisch das beste aus den Lendchen und Schultern macht. Schließlich schmückt er sich mit einer Slow-Food-Schnecke…

Zum krönenden Abschluss des zweiten Weihnachtsfeiertages dachten wir, ein Gesellschaftsspiel spielen zu müssen. Die Wahl fiel auf „Trivial Pursuit“, allerdings die Edition von 1984 oder so… notgedrungen mussten wir nach kurzer Zeit schon auf die Junior Suite umsteigen, weil wir alle nicht den von uns eingeschätzten geistigen Standards entsprachen.

Gespielt haben wir wie die Weltmeister. Mein Schwesterlein als jüngste im Bunde kam sich vor wie die Chefbetreuerin in der Gereatrie. Geduldig erklärte sie uns auch noch ein zehntes oder zwanzigstes Mal, wie wir mit dem Männchen zu laufen hatten oder wo wir die absolvierten Fragekärtchen wie hinzustecken hatten. Alle außer Schwesterherz hatten einen Riesenspaß – nicht zuletzt natürlich an den geduldigen Erklärungen ihrerseits.

Während sie also an diesem Abend um mindestens zehn Jahre altern musste, erfreute sich der Rest der Tischrunde über die verjüngende Wirkung von echtem Amusement. Also Leute, setzt euch mit euren alternden Verwandten zusammen und spielt mal wieder eine Runde Trivial Pursuit! Ihr werdet sehen, das ist eine echte Bereicherung (für die bucklige Verwandtschaft 😉 )

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