Früher als Kind war ich immer stolz darauf, dass ich sämtliche Telefonnummern aus dem Bekanntenkreis auswendig wusste. Ich war sozusagen ein wandelndes Telefonbuch. Das hörte irgendwann abrupt auf, als mein Hirnspeicher mit anderen Dingen vollgeladen wurde, wie zum Beispiel lateinische Vokabeln, geschichtliche Jahreszahlen oder naturwissenschaftliche Formeln aller Art. Spätestens hier benötigte ich den freien Speicherplatz für anderes Wissen.

Aber auch das konnte ich mir gut merken, natürlich abhängig davon, wie sehr mich das jeweilige Thema interessierte. Später waren es Jazzmusiker, klassische Kompositionen, Künstler und Epochen, Modeschöpfer und deren Highlights, die jeweils meinen Speicherplatz im Hirn beanspruchten.


Seit geraumer Zeit jedoch bemerke ich, dass ich zunehmend von Langzeitspeicher auf Kurzzeitspeicher umstelle und froh bin, wenn ich mir von zuhause bis zum Supermarkt noch merken kann, was ich eigentlich einkaufen wollte. Nicht gerade selten stehe ich dann im Discounter meiner Wahl und frage mich wirklich, was ich hier eigentlich wollte. Und da ich nicht mit leeren Händen rausgehen möchte, kaufe ich eben den zehnten Liter Milch oder die zwanzigste Zehnerpackung Toilettenpapier. Kaum zuhause merke ich dann, dass ich doch nicht die Dinge eingekauft habe, die ich eigentlich benötigte.

Spätestens hier mache ich mir dann manchmal Gedanken, ob das einfach an der Oberflächlichkeit unseres heutigen Lebens liegt, dass mir die Gedanken förmlich durch den Kopf flattern und ganz schnell eben auch wieder draußen sind, oder ob ich hier wirklich schon Anlass zur Sorge haben sollte.

Was einem blühen kann, wenn man so langsam aber sicher vergesslich oder eben richtig dement wird, habe ich schon aus nächster Nähe mitbekommen. Eine Bekannte unserer Familie verlor seit sie Anfang 60 war mehr und mehr ihr Gedächtnis. Zwar hatte sie zwischendurch immer mal wieder „lichte Momente“, aber man konnte zusehen, wie sie innerhalb von zehn Jahren massiv abbaute.

Ihr Lebensgefährte, selbst auch nicht mehr der Jüngste, pflegte sie zuhause und kam dabei auch immer öfter an den Rand seiner eigenen Kräfte. Wenn ein erwachsener Mensch nach und nach alles vergisst und verlernt, was er jemals konnte, dann ist das auch für die Angehörigen eine ziemlich große Belastung. Bei der Betreuung eines kleinen Kindes, das man wickeln und füttern muss, weiß man ja, dass es im Laufe der Jahre immer selbstständiger werden wird und irgendwann alles alleine machen kann. Bei einem erwachsenen Menschen, der an Demenz erkrankt ist, verhält es sich allerdings genau umgekehrt, was die ganze Sache noch belastender macht.

Es beginnt mit leichter Vergesslichkeit und mit dem Verlegen von Gegenständen. Die Brille findet man auf einmal im Kühlschrank, der Name vom Lebensgefährten fällt einem nicht mehr ein oder die räumliche Orientierung lässt nach und der Erkrankte findet zum Beispiel nicht mehr den Weg zum Bäcker um die Ecke.

Es endet damit, dass die Demenz wirklich alles vergessen lässt, was man jemals konnte. Die Erkrankten vergessen, dass sie essen und trinken müssen, sie vergessen irgendwann auch wie man isst oder trinkt. Sie vergessen auf die Toilette zu gehen, sie erkennen ihre engsten Angehörigen nicht mehr, sie verlernen einfach alles.

Ich habe die größte Hochachtung vor Menschen, die ihre Angehörigen zuhause pflegen. Dass dies keine leichte Aufgabe ist, habe ich mitbekommen. Ich habe aber auch volles Verständnis für Angehörige, die ihre an Demenz erkrankten Familienmitglieder in eine professionell geführte Pflegeeinrichtung geben, auch wenn das für viele mit einem schlechten Gewissen verbunden ist.

Doch woher kommen diese Schuldgefühle? Oft sind es die erwachsenen Kinder, die sich ihren Eltern gegenüber verpflichtet fühlen, sie auf jeden Fall zuhause zu betreuen, wenn sie altersbedingt erkrankt sind. Schließlich haben die Eltern auch damals die Kinder betreut und nicht im Stich gelassen. Absolut für mich nachvollziehbar, es würde mir sicherlich nicht anders gehen.

Andererseits hätte ich auch vollstes Verständnis, wenn meine Tochter einmal sagen würde, sie gäbe mich lieber in professionelle Betreuung, falls ich auch von der Altersdemenz heimgesucht würde. Zumindest sage ich das jetzt, solange ich noch klar denken kann, auch wenn ich manchmal vergesse, was ich eigentlich als nächstes tun oder einkaufen wollte.

Der Lebensgefährte von unserer Bekannten konnte sich zumindest für zwei Tage in der Woche ein wenig Freiraum schaffen, indem er seine Freundin an diesen Tagen in eine Teilzeitpflege gab. Es ist ja wirklich ein 24-Stunden-Job, wenn man demente Angehörige zu betreuen hat. Eigentlich für eine einzelne Person gar nicht zu bewältigen, ohne selbst Schaden zu nehmen und gesundheitlich an die eigenen Grenzen zu stoßen.

Ich hoffe jedenfalls, dass Demenz noch lange kein Thema für uns sein wird und es bestenfalls auch nie eines werden wird. Wenn ich mich aber so in meinem Umfeld umschaue, dann sehe ich doch, dass es eine Krankheit ist, die häufiger vorkommt als einem lieb ist. Die Mutter einer Freundin ist schon seit Jahren an Demenz erkrankt und wird von ihrem Mann gepflegt. Ich habe sie erst vor ein paar Monaten nach langer Zeit mal wieder gesehen und bin wirklich erschrocken, da ich sie von früher noch als sehr fitte und patente Frau gekannt habe. Aus dem Stehgreif wüsste ich jetzt noch drei weitere Bekannte, die jeweils einen dementen Elternteil haben, der ihre volle Aufmerksamkeit beansprucht. Mir scheint, so ganz langsam komme ich in ein Alter, in welchem man sich zumindest mal theoretisch mit solchen Fragen beschäftigen sollte.

Wie geht ihr mit solchen Fragen um? Würdet ihr im Falle einer Demenzerkrankung eure Eltern oder Großeltern zuhause pflegen können?

2 KOMMENTARE

  1. Ich würde meine Eltern auf alle Fälle zu Hause pflegen, solange es mir irgendwie möglich wäre, ich könnte sie einfach nicht irgendwohin "abschieben".

    Allerdings sehe ich am Beispiel eines Freundes sehr gut, wie nervenaufreibend und deprimierend so eine Situation sein kann, denn seine Mutter hat leider eine Art von Altersdemenz und kann sich mittlerweile seit 2 Jahren nicht mehr an ihren Sohn erinnern. Dh. sie weiß zwar, dass er jemand ist, der ihr nichts tut, sondern ihr etwas gutes will, aber dass er ihr Sohn ist und/oder wie er heißt, das weiß sie nicht, egal wie oft man es ihr sagt. Solche Situationen sind sehr schlimm und ich habe sehr großen Respekt vor ihm, dass er das (scheinbar) so gut durchsteht.

    Denn wenn man länger mit ihm redet, merkt man schon, dass es ihn sehr belastet! =(

  2. Meine Schwester übernahm die Pflege meiner Mutter. Meine Brüder sagten sie hätten keine Zeit, ich sagte ehrlich:ich kann es nicht.Ich schlug mich lange mit Schuldgefühlen herum -weiß aber heute: es ist besser zu zugeben,wenn man etwas nicht kann,als sich und andere mit dem Unvermögen zu quälen.
    Ein Freund von mir betreut Familienangehörige die Familienmitglieder pflegen – viele von den Pflegern werden sehr oft krank, an der Seele und am Körper.
    Ich wünschte nur die professionelle Pflege wäre nicht vom Profit gesteuert.

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