Noch nie wurde mir so klar wie dieses Jahr, dass mich bestimmte Aspekte der Vorweihnachtszeit komplett abstoßen, gar anwidern. Das fängt bei zwanghaften Gemeinschaftsveranstaltungen mit einstudierter Glückseligkeit an und endet nicht bei den Menschenmassen, die eine kleine Großstadt tagtäglich aufgrund dieser Saison zu verkraften hat.

Ich frage mich manchmal, wo eigentlich der „Zauber der Weihnacht“ geblieben ist oder die geheimnisvolle Atmosphäre der Vorweihnachtszeit. Alle wollen sie uns vorgaukeln, dass sie noch da sein. Aber tatsächlich ist sie bereits unter dem Zentralmassiv des Kommerz verschwunden.

Wenn ich derzeit in die City gehe, dann werde ich unweigerlich zum Misanthro(en). Busseweise werden Menschenmassen aus allen Teilen Deutschlands hier her gekarrt. Damit nicht Schluss, nein, auch international sind wir hier derzeit eine Attraktion. Und für uns Eingeborene bringt dieser Menschentsunami meist nichts anderes als Ärger über überfüllte Innenstädte, Läden, Kaufhäuser oder Restaurants.

Natürlich freuen sich Laden- und Lokalbesitzer, aber auch diese jubilieren nicht ungetrübt. Weiß ich doch von einer die zum Beispiel einen Laden besitzt, der saisontypischen Zierrat anbietet, dass sie die eingeschleusten Menschenmassen eigentlich nicht mag, weil sie völlig unsensibel durch ihr kleines, mit gläsernen Zerbrechlichkeiten vollgestopftes Kleinod marschieren um möglichst völlig ignorant mit dem vollgestopften Rucksack bei der 180° Drehung das Regal leerzufegen.

Aber auch wenn man keinen Laden mit Weihnachtskrempel hat, kann man sich derzeit über die auftauchenden Zeitgenossen und -genossinnen bestenfalls amüsieren. In meinen privaten Studien machte ich jetzt die Feststellung, dass der Grad der Mundwinkelneigung proportional steigt mit dem Gewicht des Mantels aus totem Tier.

Vor allem im hiesigen Luxuskaufhaus, das derzeit auch gerne von Eidgenossinen zum Glühwein und Wasser ablassen aufgesucht wird, habe ich die skurrilsten Gestalten zur Vorweihnachtszeit erblicken dürfen. Keine Frage, bei der Kleidung erwiesen sie Geschmack und Geld, auch wenn man sich darüber streiten kann, ob es geschmackvoll ist, zusammengenähte Kadaverumhüllungen – sprich: Felle – um den eigenen zukünftigen Kadaver zu tragen.

Aber worauf ich zu sprechen kommen wollte: nie habe ich so eine dermaßen reziproke Relation von hängenden Mundwinkeln zu zur Schau gestelltem Reichtum gesehen wie heuer in der Vorweihnachtszeit. Ich habe leider keine Fotos gemacht, aber auch ohne Bilder kann man es einfach glauben.

Da frage ich mich dann wirklich, wie mag wohl der Heilige Abend und die Bescherung aussehen, wenn der X.te Klunker aus der Geschenkschachtel ausgepackt wird und der zehnte Mantel aus ermordeten Zobeln unterm Weihnachtsbaum liegt. Dann müssten meiner Meinung nach die Mundwinkel sich unterm Kinn treffen…

Am glücklichsten zur Vorweihnachtszeit erscheinen mir immer noch die Kinder, die noch an den Weihnachtsmann und an das Christkind glauben. Sie versprühen eine ehrliche Vorfreude, tragen ein Glitzern in den Augen und sind voller Spannung darüber, was wohl am Tag der Bescherung alles gebracht wird.

Ohne jetzt schlechte Zeiten verherrlichen zu wollen, aber manchmal denke ich, früher hatte Weihnachten noch eine echte Bedeutung. Geschenke waren zwar bescheiden, wurden aber mit Bedacht und ohne Berechnung ausgesucht. Heute regiert der Konsum und die wahre, innere Freude bleibt dabei auf der Strecke… schade eigentlich.

  

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