Vor ein paar Tagen kündigte ich hier im Blog ja schon den jährlich wiederkehrenden Tag des offenen Denkmals an und empfahl diesen als wirklich lohnenswerte Sonntagsbeschäftigung. Nachdem ich für die von mir favorisierten Ziele keinen Platz mehr bekommen hatte, entschieden wir uns heute nach Esslingen zu fahren. Auf den Tipp hat mich übrigens eine nette Kommentatorin des oben erwähnten Postings gebracht. Vielen Dank, hat sich wirklich gelohnt!

Also gegen halb elf das Haus verlassen, die S-Bahn geschnappt und nach Esslingen a. N. gefahren, geht schneller als mit dem Auto und vor allem muss man sich keine Gedanken um einen Parkplatz machen. Auf dem Esslinger Marktplatz gab es dann ein paar Infostände und in der Touristeninformation konnte man aus dem breiten Angebot Führungen auswählen und sich dafür anmelden. Aber irgendwie waren wir wohl schon zu spät dran, als wir dort waren, da die Auswahl schon sehr gering war.

Also machten wir uns gleich auf den Weg zur Stadtkirche St. Dionys, die prominent mit ihren zwei Türmen auf dem Marktplatz prangt. Leider habe ich total vergessen, diese Kirche von außen so zu fotografieren, dass man auch die zwei charakteristischen Türme sieht, deswegen verweise ich jetzt an dieser Stelle einfach auf deren Internetauftritt, wo man auf einer Seite ein schönes Bild findet, das sowohl die beiden Türme als auch diesen Steg, der die beiden miteinander verbindet, gut sehen kann.

Wir entschieden uns eine Turmbesichtigung mitzumachen und reihten uns in die bereits mittellange Warteschlange ein. Den einen Turm, ich glaube es war der Nordturm, sollten wir hochsteigen bis zum Steg, über diesen dann die siebeneinhalb Meter lange Distanz zwischen den beiden Türmen überwinden und nach Besichtigung des Turmzimmers über den Südturm wieder hinabsteigen. Allerdings zur ungefähr bis unter die Decke des Kirchenschiffes, um dann hier wieder in den Nordturm zu wechseln und vollends hinunter zu steigen. Hört sich komplizierter an als es war!

Das heutige Motto der Veranstaltung lautete „Holz“ und hiervon gab es eine Menge in den beiden Kirchtürmen zu sehen. Nicht nur die teilweise für meine Begriffe recht abenteuerlichen Treppen, sondern auch der ganze Glockenstuhl ist aus großen, massiven Holzbalken konstruiert, um die tonnenschweren Glocken auch noch in schwingendem Zustand halten zu können.

Die jüngste der Glocken stammte übrigens aus den 50er Jahren und hatte einen wirklich schönen, sonoren Klang. Auf meine Frage hin, von wem diese Glocke den gegossen worden sei, bekam ich genau die Antwort, die ich schon vermutet hatte, nämlich von der Glockengießerei Kurz. Zufälligerweise verbrachte ich meine Kindheit in genau dem Haus, das Kurzens nach dem Krieg als Wohn- und Mietshaus eine Straße oberhalb der Glockengießerei erbauten. Ich kann mich auch noch gut an die beiden Herren Kurz, Vater und Sohn, erinnern.

Nachdem wir den Glockenstuhl im Nordturm passiert hatten, ging es dann noch weiter nach oben und bevor wir den Holzsteg Richtung Südturm durchlaufen durften, konnten wir uns noch einen kurzen Vortrag von einer jungen Dame über die Wanderfalken anhören, die sich diesen Turm als Zuhause auserkoren haben und jährlich dort ihre Brut aufziehen.

Nach Überqueren des Steges gab es eine kleine Outdoor-Runde um den Südturm, der von einem Balkon umgeben war. Dieser Balkon war allerdings so schmal, das man wirklich nur im Gänsemarsch und nur in einer Richtung einmal um den Turm gehen konnte. Hier oben hatte man natürlich eine bombastische Aussicht über Esslingen und das Neckartal. Das Wetter spielte auch perfekt mit, was natürlich den anstrengenden Aufstieg dann fast vergessen ließ.

Auf die Balkonrunde folgte die Besichtigung des Turmzimmers, in dem der Türmer mit seiner Familie lebte. Der durfte übrigens nie herunter, denn seine Aufgabe war unter anderem, von hier oben Ausguck zu halten, ob irgendwo ein Feuerchen brannte oder sich feindliche Truppen näherten und wenn ja, dann schnell Alarm zu schlagen. Für uns heute unvorstellbar, dass in diesem nicht gerade großen Zimmer mit kleinem Nebenraum eine Familie mit drei Kindern wohnte. Na gut, sie hatten ja die Türme als Spielplatz und Klettergestell…

Ab hier ging es dann wieder abwärts, teilweise wurde es so eng, dass man sich zwischen schrägen Balken hindurchzwängen musste und die Treppenstufen waren zwar nicht annähernd so tief wie mein Fuß lang, dafür entsprachen aber auch die Abstände der Stufen keinerlei Norm, sondern waren weitaus höher als gewohnt. Irgendwann hatten wir dann wieder eine rettende Plattform erreicht, dieses Mal direkt über dem Chor schätzungsweise unter dem Dach des Kirchenschiffes.

Der Blick von hier in die Tiefe konnte einen schaudern lassen und bot genügend Phantasie für einen Krimi. Auf der anderen Seite war natürlich diese Perspektive um Klassen spannender als die, die man gewöhnlich hat, wenn man vom Chorgestühl nach oben schaut.

Trotz aller spannenden Ausblicke und Einblicke war ich dann recht froh, als ich wieder ans Tageslicht treten durfte und die Treppensteigerei ein Ende hatte. Komischerweise ging es mir während der Besichtigung ganz gut, obwohl ich kein Freund von Treppen, schon gleich gar nicht von LaWendeltreppen. Aber als ich den Schritt nach draußen tat, hatte ich auf einmal Knie voller Wackelpudding und konnte fast nicht mehr richtig gehen. Aber gelohnt hat sich der Aufstieg auf jeden Fall und ich kann es jedem nur empfehlen, diesen einen Tag im Jahr wahrzunehmen, wenn man die Türme von St. Dionys begehen darf!

Weiter zur Sektkellerei Kessler im Steyerer Pfleghof, Esslingen a. N.
 

8 KOMMENTARE

  1. Es gab mal ein Buch, in dem die Tochter des letzten Türmers von ihrem Leben da oben erzählt hat. Einkäufe wurden mit einer Winde hochgezogen. Einmal kippte das ganze Ding um und der Sonntagskuchen landete unten auf dem Pflaster.
    Ich glaube, das letzte Mal da oben war ich 2003
    http://www.fotolog.net/christine/1094520/ da gibt's auch noch ein paar Fotos davon, da war es genauso schön wie diesen Sonntag
    lg
    Tine

  2. Von diesem Buch hatte die Dame, die uns alles über das Zimmer bzw. die "Wohnung" des Türmers erzählte, auch gesprochen. Auch die Kuchengeschichte kam zur Sprache. Das wäre was für mich gewesen, da oben zu wohnen… und auch noch ohne Fahrstuhl!
    Deine Bilder sind auch interessant, manche fast identisch und andere mit einem interessanten Blickwinkel! Wenn mein Muskelkater nächstes Jahr vorbei ist, könnte ich ja nochmal hochsteigen.
    LG
    Sabine

    • Leider weiß ich weder den Buchtitel noch den Namen der Autorin, konnte es jetzt auch nicht übers Netz ausfindig machen. Vielleicht einfach mal an das Touristeninformationszentrum Esslingen wenden oder aber an die Kirche direkt – da müsste es doch zu erfahren sein!
      Ich versuche es selbst auch nochmal, näheres darüber herauszufinden, da mich dieses Büchlein auch interessiert, Hatte es nur im Laufe der Zeit wieder vergessen – deswegen vielen Dank für die Erinnerung 😉
      LG
      SvL

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