Wer stolzer Kinder- oder Hundebesitzer ist, der weiß, dass beide Wesen gerne wühlen. Hunde wühlen gerne im frisch gerichteten Gartenbeet – Katzen übrigens auch, aber nur um hübsche duftende Kleinigkeiten zu verstecken – und Kinder wühlen eigentlich überall.

Kinder wühlen daheim in Mutters Schränken und entdecken auch den am besten versteckt geglaubten Schokoladennotvorrat, Kinder wühlen in Mutters Tasche und fördern Zeug zutage, was der Mutter in der Öffentlichkeit die Schamesröte ins Gesicht treiben könnte und Kinder wühlen genau wie Wühlmäuse, Hunde oder Katzen auch in Gärten, Beeten und Rabatten.

Ist ja auch interessant, was da so alles zutage gefördert werden kann. Alte Münzen, vergammelte Vesperbrote, Vogelskelette, Knöpfe… einfach alles, was man für die kindliche Schatztruhe so benötigt. Manchmal, wenn Kinder gerne die Erwachsenen nachmachen, dann vergraben sie auch etwas. Zum Beispiel ein totes Vögelchen, was so rumliegt. Da wird dann feierlich eine Messe gehalten mit allem drum und dran. Einer spielt den Geistlichen und spricht salbungsvolle Worte, die anderen singen traurige Lieder und spielen mit erdachten Musikinstrumenten Trauermärsche und die dritten mimen dann die Totengräber und verbuddeln das Vogelkind, das leider zu früh abstürzte.

Soweit – so gut. Jetzt will so manches Kind auch gerne mal wissen, wie so ein beerdigter Vogel eigentlich nach zwei oder drei Wochen aussieht. Kinder sind neugierig und haben einen unglaublichen Forscherdrang. Also spielen die gleichen Kinder, die vor ein paar Wochen erst die Beisetzung inszeniert haben, dieses Mal Forscher und Archäologen. Mit Stöckchen wird in der Rabatte gewühlt an der Stelle, wo man den kleinen Leichnam verbuddelt zu haben glaubt. Leider ist das kleine Holzkreuz aus den Eisstäbchen nicht mehr da, irgendwelche größeren Kinder haben es niedergetrampelt oder abgerissen. Also wird eben auf Verdacht gebuddelt.

Und auf einmal – oh Schreck! – die Vogelknöchelchen waren ja eigentlich viel kleiner und nicht so groß wie dieser abgebrochene Knochen, den man jetzt zutage fördert! Die Spannung steigt, der Buddeleifer auch und die Kinder sind voll im Archäologenfieber. Es wird gegraben was das Zeug hält. Das Fundstück zeigt man den erwachsenen Betreuern, die es für einen verbuddelten Hundeknochen halten. Also entweder der Knochen von einem toten Hund oder aber der Knochen, den ein Hund verbuddelt hat, also vielleicht ein Rinder- oder Schweineknochen.

Eines der Kinder packt den Knochen wie er ist in den Schulranzen und nimmt ihn später mit nachhause. Die Mutter ist natürlich nur unwesentlich entzückt ob solcher Mitbringsel und noch weniger darüber, dass das Kind dieses Teil mit bloßen Händen anfasst. Deswegen versucht sie, nachdem sie das Kind gründlich desinfiziert hat, es dazu zu überreden, den Knochen entweder zu entsorgen oder am folgenden Tag wieder zurück zu bringen. Um das Kind psychisch dazu zu bewegen, dass es dieses Fundstück möglichst auch schnell wieder loswerden möchte, lässt sie so ganz nebensächlich noch einen Satz fallen, der so in die Richtung geht „Nicht, dass auf diesem Knochen noch ein Fluch lastet!“

Dieser Satz stimmt das Kind zwar nachdenklich, aber letztlich bringt er nicht den gewünschten Effekt. Also wird der Knochen in eine durchsichtige Plastiktüte verpackt, solche, wie man sie in der Obstabteilung des Supermarktes bekommt. Kind verspricht, den Knochen am nächsten Tag wieder zum Fundort zurück zu bringen. Mutter schaut sich jedoch das Fundstück durch die transparente Verpackung nochmal genauer an und bekommt so langsam ihre Zweifel. Ein Meisen- oder Finkenknochen ist es eindeutig nicht. Auch kein Dinosaurierknochen, kein Rinderknochen wie man ihn vom Brühe kochen kennt und auch kein Katzenknochen. Aber was könnte es dann sein?

Er ist gebrochen, also nicht in voller Länge sichtbar. Wenn man sich noch ein paar Zentimeter dazu denkt, dann könnte er prima von der Länge her ein Teil von einem Unterarm oder Unterschenkel sein. Vielleicht nicht gerade von einem Zwei-Meter-Mann, aber es gibt ja auch zierlichere Menschen…

Aber es wird ja schon keiner sein. Hoffentlich nicht. Und hoffentlich nicht genau dort, wo sie das Ding gefunden haben. Da fängt die Mutter ein wenig an zu spekulieren. Vielleicht vom nahen Friedhof. Vielleicht hat sich jemand einen Jux erlaubt und Teile eines ausgehobenen Grabes neu verteilt. Oder vielleicht ein Überbleibsel von vor 1945? Fleisch hing jedenfalls keines mehr dran, federleicht war das Fundstück auch und innen hohl…

   Fortsetzung folgt

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