Jetzt ist die 5. Jahreszeit dann so gut wie vorbei, spätestens morgen im Grauen des Tages werden die letzten Narren feuchtfröhlich nach Hause torkeln. Ich sah schon einen zur besten Uhrzeit gegen 18:00 Uhr in Schlangenlinien den Gehweg entlang tänzeln und mit dem Handy in seiner Hosentasche quatschend.

Der Faschingsumzug in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs und der derzeitigen Hauptstadt des Widerstandes war mal wieder so politisch wie noch nie. Man musste es nur richtig zu deuten wissen, nicht alle Botschaften der diversen Karnevalsvereine und deren Inszenierungen waren sofort auf den ersten Blick erkennbar.

Keinesfalls chronologisch, sondern ganz nach Lust und Laune werde ich jetzt hier mal die schönsten Inszenierungen präsentieren, die mir so vor die Kamera gelaufen sind und zufällig dann auch noch einigermaßen scharf auf Zelluloid gebannt wurden. Oder so ähnlich.

Diese Delegation des Vereins Gewichtbeobachter Pink-Weiß e.V. setzt sich für bessere Kennzeichnung von Genussmitteln durch das Ampelsystem ein. Wenn ich es richtig beobachtet habe, so haben sie von der normalerweise 20-köpfigen Truppe nur 25 % zur Veranstaltung geschickt, weil der Platzbedarf sonst enorm gestiegen wäre.

Mit einem fröhlichen „Wasser Marsch!“ präsentierte sich der Reit- und Fahrverein Blau-Grün e.V., der auch dieses Jahr wieder stark präsent war. Dieser Verein setzt sich verstärkt für die Sicherheit im Lande ein und hat im vergangenen Jahr wiederholt für Schlagzeilen gesorgt – nicht nur wegen der Umfunktionierung des Rasens vor dem Landtag zur Pferdekoppel sondern auch wegen ungewöhnlicher Rasensprengeinsätze im mittleren Schlossgarten, bei denen es zu bedauerlichen Kollateralschäden kam, die aber dank eines eigens einberufenen Untersuchungsausschusses letztlich doch nicht in der Verantwortung des genannten Reit- und Fahrvereins lagen.

Das Prinzenpaar vom Fasanenhof Schwarz-Gold e.V. – erkennbar an den gestreiften Federn an seiner Prinzenkappe – verteilte großzügig Süßes an Kinder in Begleitung ihrer Erziehungsberechtigten. Wer letzte Woche schon einen Antrag abgegeben hatte, konnte heute nachmittag direkt aus der Hand der Prinzessin vom Fasanenhof ein Bombole (Bonbon) in Empfang nehmen. Der Andrang war riesig, alle 50 m wartete ein/e Erziehungsberechtigte/r mit bettelnden Augen auf das Bonbon für das Kind. Pech hatte nur, wer mit mehr als einem Kind unterwegs war: die mussten sich das Bonbon dann reihum teilen. Die politische Botschaft: wir kehren zurück zur demokratisch gewählten Monarchie.

In Anbetracht der bald bevorstehenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg ließ sich dieses Jahr auf dem Faschingsumzug auch einer der ehemaligen Ministerpräsidenten des Landes blicken – wohl auch um einem seiner zukünftigen Ex-Nachfolger Mut zu machen, dass es auch noch ein Leben nach dem Amt des Ministerpräsidenten gibt – und sei es nur, um wichtige Repräsentationsaufgaben wahrzunehmen.

Die Truppe des Vereins Rot-Weiß-Blond e.V. führte heute schon mal die ab kommendem Schuljahr verpflichtende Schuluniform für Grundschüler vor. Weißes Röckchen, rote Jacke und rote Allwetterstiefel, die im Winter warm halten und im Sommer die Füße vor der Hitze schützen. So muss es sein! Endlich mal eine positive Errungenschaft der diversen Schulreformen der letzten Jahre.

Für die musikalische Unterhaltung sorgten dieses Jahr neben Spielmannszügen auch wieder jede Menge Bands mit Guggenmusik, die die Lautstärke betreffend durchaus noch ein paar Dezibel mehr zu bieten hatten als der mittlerweile traditionelle Schwabenstreich.

Eine Delegation der Gesellschaft Zigeunerinsel Stuttgart 1910 e. V. war in den derzeitigen Landtagsfarben unterwegs, gelb-schwarz. Das tragen sie übrigens schon länger in dieser Kombination, ich weiß jetzt nicht genau, wie lange, aber aller höchstens seit 56 Jahren – zumindest die schwarzen Hosen und Kappen. Eigentlich sehen sie ja aus wie Husaren, aber in Wirklichkeit repräsentieren sie die regierende Elite des Landes. Übrigens, bei meinen Recherchen zur Zigeunerkluft habe ich dann rein zufällig hier noch ein Bild des Oberzigeuners gefunden.

Auch das sind Abgesandte der Zigeunerinsel Stuttgart – doch diesmal die Mädels und damit was völlig anderes, was die politische Aussage dieser Truppe betrifft. Halten die Herren oben noch an der Farbkombination Gelb-Schwarz fest, so sind die Damen – und zwar nicht nur zum heutigen Weltfrauentag – doch mindestens zwei Nasenlängen voraus. Sie tragen Rot-Grün! Narri! Narro! Helau! Alaaf!

Wagen Nr. 19 brachte eine geballte Ladung Weiblichkeit vorbei und machte damit ganz penetrant auf den heutigen Weltfrauentag aufmerksam. Es gibt ja zwei Tage im Jahr, an denen man der Frauen gedenkt, einmal der Weltfrauentag am 8. März für alle Frauen und insbesondere die, die noch keinen Nachwuchs haben, und dann noch der Muttertag am zweiten Sonntag im Mai, an welchem man ganz besonders den Frauen dankt, die ihre Figur, ihre Freiheit und ihren ehemaligen gesellschaftlichen Status zum Wohle der Gesellschaft geopfert und potentielle SteuerzahlerInnen in die Welt gesetzt haben, aus denen möglicherweise auch mal ein späterer Ministerpräsident oder eine Bundeskanzlerin hervor gehen werden.

Nein, das war nicht das Papamobil. Auch nicht der mobile Untersatz des Landesvaters. Nein. Das war ganz einfach der allradangetriebene Mercedes vom Schweinemuseum im Stuttgarter Osten. Dass der Wagen schwarz ist, ist reiner Zufall. Die Ballons und die Schweine drum herum sind ja schließlich auch nicht gelb. Also: Schweinemuseum Stuttgart im Alten Schlachthof. Kann mir mal einer sagen, warum ich jetzt an den 27. März 2011 denken muss? Habe gerade irgendwie das Konzept aus den Augen verloren, nachdem ich das hier entdeckt habe.
Aus welchem Gäu dieser Abgesandte kam, kann ich leider nicht mehr nachvollziehen. So richtig spacig sah er ja eigentlich nicht aus, sonst hätte ich ihn als Vertreter der Landesgruppe ALLgäu-Schwaben e. V. vermutet. Aber seine Krachlederne war schon ganz schön cool bestüickt und mit der Hawaiikette hat er quasi den Bogen zur internationalen Völkerverständigung gespannt. Die Mädels hinter ihm laufen akurat auf der weißen Linie – „Hut ab!“ kann man da nur sagen, „gut trainiert!“
Als Wagen Nr. 47 schwebte dann noch so eine Art Leibhaftiger über der Stadt, der mit einem Mordsgerät von Kehrmaschine mal die Luft ein bißchen durcheinander wirbelte und für frischen Wind sorgte. Am Bug des Wagens hingen dann übrigens zwei Hexen, die man immer über die Köpfe des gemeinen Fußvolkes hinweg schleuderte. Leider sind meine Bilder von den geschleuderten Hexen nicht so richtig scharf geworden.

Also er nun, auf diesem Wagen, er erinnerte mich so stark an jemanden. Leider komme ich einfach nicht dahinter. Pumuckl kann’s nicht sein, dessen Haare sind mehr orange, ein Esel kann es auch nicht sein, der hat ein klein wenig andere Ohren. König Ludwig der 14., 15. oder 16. wohl auch nicht obwohl der so ein ähnliches Jabot auf seinen Portraits in Öl trägt. Aber wer könnte es nur sein… das Kinn… der Mund… der Blick…

Den vorläufigen Höhepunkt der Veranstaltung bildete dann der Trupp vom AWS Orange e. V., der sämtliche ungeäußerten politischen Parolen unter die nichtvorhandenen Teppiche kehrte bzw. mit dem Turbosauger auch die letzten Schnipsel der vernichteten Akten nahegelegener Behörden wieder einsackte. Umzug fertig, Konfetti weg, bleibt nur noch der politische Aschermittwoch, um mal kräftig auf den Putz zu hauen.

Pustekuchen! Einer kam noch hinterher. Oder besser eine. Oder was!? Jedenfalls hat dieses leicht geschürzte und gefiederte Wesen auf die Klimaerwärmung in Nord- und Mitteleuropa aufmerksam gemacht, nicht anders ist zu erklären, warum jemand mitten Anfang März halb nackt auf der Straße steht. Egal, Klima warm oder nicht, ein hübscher Anblick war’s allemal und Brasilien war hiermit auch auf dem Stuttgarter Faschingsumzug vertreten, was nicht zuletzt der internationalen Völkerverständigung zugute kommt.

In diesem Sinne: Narrinarrohelaualaaf!

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