Momentan bin ich gerade noch völlig baff, wie nett, höflich und zuvorkommend die Menschen sind, die unseren Nachwuchs mit Wissen vollstopfen dürfen. Heute morgen im Kindergarten fragte ich eine Erzieherin, ob es tatsächlich so sei, dass meine Tochter seit 1 Woche in der Vorschulgruppe mitmache. Sie bestätigte es und sagte mir so nebenbei, dass meine Tochter ein sogenanntes Kann-Kind sei, was die Einschulung beträfe. Sie kann nächstes Jahr im Herbst eingeschult werden, muss es aber nicht. Sie wäre dann fünfeinhalb.

Dieser Gedanke beschäftigte mich jetzt natürlich, da ich immer der Meinung war, es sind ja noch zwei Jahre bis dahin, aber auf einmal kam mir das Ganze doch schon sehr nah vor. Also rief ich auf gut Glück mal bei der für uns zuständigen Grundschule an, um mal zu hören, ob es vielleicht Elterninformationsabende gibt für Eltern von Kann-Kindern. Ich wollte wissen, ob diese Kann-Kinder zunächst mal in einer Klasse gebündelt werden oder ob sie gleich in einer richtigen Schulklasse landen. Ich wollte wissen, wie es ist, wenn das Kind dann doch zu früh eingeschult wurde und sich nicht zurecht findet. Ich hatte einfach jede Menge Fragen, die sich für mich nicht aus sich selbst heraus beantworten ließen, da sich seit meiner Schulzeit einfach zuviele Dinge im Schulsystem geändert haben. Was liegt dann näher, als sich direkt bei der Schule zu informieren.

Guten Mutes wählte ich also die Rufnummer der zuständigen Schule, auch wenn gerade Herbstferien sind. Aus Datenschutzgründen werde ich jetzt natürlich keine Klarnamen nennen, sondern lediglich Pseudonyme einsetzen. Es versteht sich natürlich von selbst, dass jegliche Ähnlichkeit mit gestorbenen, wieder auferstandenen oder sonstigen Personen rein zufällig ist und rein gar nichts mit dem hier beschriebenen zu tun hat. Falls ich hier noch etwas zu erwähnen vergaß, damit meine Hände nach wie vor in Unschuld gewaschen sind, dann tritt ab sofort die Salvatorische Klausel in Kraft, die alles gesagte gültig sein lässt, auch wenn etwas dabei ist, was ungültig ist. So. Weiter im Text.

Ich rief also bei der Schule an, vormittags um 10:30 Uhr. Es meldete sich eine männliche Stimme kurz, knapp und klar mit „Lang, Kriecherschule.“ – Ich sagte daraufhin auch meinen Namen, begrüßte den Menschen am anderen Ende des Telefons höflich und versuchte, mein Anliegen in einen Satz zu packen. Der Mensch am anderen Ende setzte mich gleich mit dieser Sparbegrüßung innerlich unter Druck, so dass ich eben versuchte, ohne Umschweife zur Sache zu kommen. Dann wartete ich. Außer einem Summen wie von einem Abhörgerät vernahm ich nichts in der Leitung. „Hallo?“ – Schweigen. „Sind Sie noch dran?“ – „Ja, ich höre.“ Das ganze mit dem unwiderstehlichen Charme eines Obergerichtsvollziehers. Das Sprachzentrum meines Denkapparates wollte mir jetzt dauernd so ein Wort mit „A“ am Anfang und am Ende ein „loch“ einflüstern, aber ich konnte mich noch beherrschen.

Ich sprach nochmal weiter, stellte meine Fragen. Wieder Schweigen, kein Signal am anderen Ende der Leitung, dass da ein Mensch dran ist und zuhört. Dieser Mann hat wohl noch nie etwas von „aktivem Zuhören“ gehört, sonst hätte er wohl hin und wieder ein Lebenszeichen von sich gegeben, und sei es auch nur in Form eines „ja“ oder „mhm“.

Ich dachte mir „du kannst mich mal“ und änderte meine ohnehin schon etwas strenger klingende Tonlage vollends in Richtung Domina. Nach und nach taute der Knabe auf und beantwortete mir allmählich meine Fragen, auch wenn ich die eine oder andere Frage dreimal stellen musste, bevor ich eine zufriedenstellende und vor allem informative Antwort darauf bekam.

Irgendwann warf ich ein, dass ich selbst als Kind auf die „Kriecherschule“ gegangen bin, aber das schon eine Weile her sei und sich mittlerweile das eine oder andere sicherlich im Schulsystem geändert habe. Um meine dreiste Behauptung auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen, fragte er mich, wer denn seinerzeit Rektor an der Schule war. Auch den konnte ich ihm nennen, den Herrn Engel, der womöglich mittlerweile bei selbigen weilt. Daraufhin bekam ich zur Antwort, er sei dessen Nachfolger. „Der direkte Nachfolger?“, fragte ich. „Ja.“ – Das gab mir Hoffnung, dass er es wohl auch nicht mehr allzu lange in diesem Amt machen würde und sei es nur, weil er dann demnächst wahrscheinlich in den Ruhestand gehen wird.

Irgendwann fragte er mich dann die üblichen Sachen wie Name, Adresse und Daten des Kindes ab. Meinen Namen durfte ich ihm buchstabieren, da er ihn auch nach dem 3. Mal noch nicht richtig verstanden hat. Und ich vergewisserte mich dann nochmal bei ihm, obwohl ich genau wußte, dass er Lang heißt, „…und Sie sind der Herr Kurz!?“ – „Hähä, …wie Lang“, war seine Antwort. Ich bestätigte dann nochmal den Namen Kurz und stellte mich blöd, was er dann zum Anlass nahm, mich nochmals explizit zu korrigieren und zu sagen „mein Name ist Lang.“

Nach dem Gespräch war ich zwar etwas schlauer als vorher, was die rein sachlichen Informationen betraf, aber auf der anderen Seite wurde mir auch bewusst mit welcher Sorte von Menschen ich mich die nächsten eineinhalb Jahrzehnte herumschlagen muss – großzügig gerechnet.

Für Leerkörper und Schulrektoren hatte ich schon in meiner Schulzeit herzlich wenig übrig. Es gibt nur 2 oder 3, die mir aus dieser Zeit in guter Erinnerung geblieben sind. Ich frage mich manchmal, ob man bescheuert sein muss, um diesen Beruf zu ergreifen oder ob man erst nachdem man diesen Beruf ergriffen hat, bescheuert wird. Womit wir auch gleich bei der Frage mit der Henne und dem Ei wären…

Natürlich, und damit sich hier keiner persönlich angegriffen fühlt, es gibt immer Ausnahmen. Und vermutlich sind Sie, der Sie dieses hier lesen und möglicherweise auch dem Lehrkörper angehören, genau eine von diesen Ausnahmen.

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